Die Kurzfilme der Genrenale3 – Die Block-6-Review

Der Abschied naht. Mit dem letzten Block der 27 Kurzfilme von der diesjährigen Genrenale endet die Reviewreihe eben jener Filme hier im Blog. Die fünf letzten Filme stehen heute auf dem Programm. Reißt Euch kurz zusammen, wischt Euch die Tränen aus den Augen und lasst uns loslegen.

G3_Kurze_Block_06_1000pxBald zwei Monate sind seit der Genrenale 2015 ins Land gegangen. Das Festival gab nicht nur einen erhellenden Einblick in die Genrelandschaft, sondern zeigte auch, wie hoch der Qualitätsstandard hierzulande bei Independentproduktionen ist. Denn der Großteil der Festivalfilme war genau so produziert. Das führt zu einem weiteren Schluss. Ein Drama oder eine Komödie unabhängig zu finanzieren und gut aussehen zu lassen ist schon eine Herausforderung. Die Genrenale zeigte, dass es möglich ist, hierzulande mit einem geringen Budget sogar Action, Sci-Fi und Horror gut aussehen zu lassen. Die Argumente, wir hätten hierzulande weder die Bücher noch das Knowhow ziehen also nicht mehr, liebe Redakteure und Produzenten. Und die Filmemacher können zudem noch mit Geld haushalten. Setzt Euch mit dem Nachwuchs zusammen! Jetzt!

Zum Beispiel mit Andrej Gontcharov, von dem „Berlin Troika“ stammt. Darin trifft ein frisch eingewechselter Dolmetscher auf die Staatschefs zweier verfeindeter Nationen, den USA und Russland nicht unähnlich. Irgendwie verläuft das Gespräch nicht nach Plan. Eine Eskalation scheint unausweichlich, denn der Russe provoziert und der Ami hat eine scheiß Knarre dabei. Für gewöhnlich bin ich bei aufwändigen Titelsequenzen sehr skeptisch, wenn der folgende Film gerade mal 11 Minuten misst. Sind diese technisch schön gemacht, glätten sich schon die Wogen meiner Abneigung. Gelingt ihnen das Kunststück, im Kleinen die g3_berlintroika_filmplakatIdee des Films zu transportieren, kippt meine Skepsis in Begeisterung.

Andrej Gontcharov und sein Kameramann Julian Landweer schaffen das. Schon diese Einführung, mit einer Aufsicht auf das Tablett mit Tee und Kaffee und die darum herum erzählten Kontrollen des Kellners durch das Sicherheitspersonal, gewinnt den Zuschauer. Bemerkenswert sind Ausstattung und Kostümbild, die sich stark an die 1980er Jahre anlehnen. Kameramann Landwehr bringt das eingeengte, statische Setting des Films zum Funktionieren und schafft eine dichte, angespannte Atmosphäre. Die überzeichneten Figuren des Amis und des Russen, schön auf der Schwelle zu Parodie gespielt von Matthew Burton und Dieter Wardetzky, bieten eine hervorragende Folie, vor der Alexander Khuon als unterwürfiger Dolmetscher brillieren kann, der sich entscheiden muss, ob er Partei ergreift. Der Film wurde persönlich von Regisseur Uwe Boll für den Sonderpreis „The Boll“ auserwählt.

Einen schönen Mysterytopos greift „Licht“ von Hannes Rössler auf. Eine junge Frau glaubt, in der Nachbarwohnung etwas g3_licht_filmplakatUngewöhnliches zu beobachten, ja, sie ist sicher, dass dort ein Verbrechen geschieht. Die herbeigerufenen Polizei kann nicht helfen. Also stellt sie selbst Nachforschungen an und muss feststellen, dass sie in der Sache selbst eine Rolle spielt. Zwar ist die Idee von „Licht“ nicht neu, dennoch schafft es der Regisseur sehr schön, den Moment des Zusammensetzens der Puzzleteile heraus zu zögern. Rössler, der auch die Kamera führte, findet schöne Bilder für seine einsame Protagonistin im leeren Haus.

Die sehen manchmal aus, wie gemalt – sind dadurch aber eher wenig handlungsrelevant. Aber so schlimm finde ich das nicht. Besonders, wenn der Filmemacher mit wenig Ausrüstung so tolle Effekte, wie die Beleuchtung des Innenhofs oder des Treppenhauses erzielen kann. Hier zeigt sich, ob das Handwerk beherrscht wird, sowohl das technische, als auch das gestalterische. Und beides kann man dem Team bescheinigen. Ein solider Mysteryfilm, der eine schöne Variante des Schleifentopos erzählt.

„Phoenix“ von Florian Frerichs ist einer der Filme auf der Genrenale, über den ich mich richtig geärgert habe. Nicht, weil er schlecht ist. Im Gegenteil, ich hätte ihn gerne als Langfilm gesehen! In einer Welt, in der Bücher verboten sind, streifen g3_phoenix_filmplakatSondereinheiten der staatlichen Polizei umher. Sie vernichten Wissen und bestrafen Menschen, die es verbreiten, auf bestialische Weise. Ayden führt eine solche Truppe an. Auch er glaubt an das System. Doch das Aufeinandertreffen mit der jungen Ava bringt seinen Glauben ins Wanken. Regisseur Florian Frerichs hat einen bildgewaltigen Kurzfilm geschaffen, dem man das größte Kompliment machen kann, dass es für einen Kurzfilm gibt: Ach, wäre es doch ein Langfilm!

Die 13 Minuten Filmdauer werden der komplexen Geschichte eigentlich nicht gerecht. Irgendwie wirkt er mehr, wie ein Proof-Of-Concept in seiner Komprimiertheit. Und man möchte ihm nach „Phoenix“ echt 2-3 Millionen in die Hand drücken und „Mach‘!“ sagen. Die Story ist toll erzählt, Assoziationen zu „Fahrenheit 451“ sind offensichtlich. Auch Ausstattung und Kostümbild nehmen visuelle Referenzen der Uniformen allseits bekannter, repressiver Diktaturen und dystopischen Weltsichten auf. Die visuellen Effekte sind großartig, die Schauspieler überzeugend, Musik, Schnitt und Kamera schreien: Bring‘ mich ins Kino! Gebt dem Mann ein Budget, verdammt nochmal!

Und es folgt ein weiterer Beweis, was man visuell mit einem Nicht-Budget leisten kann. Ich hatte schon im letzten Jahr das Vergnügen, über den MHMK-Abschlussfilm “Schnee in Rio” von Manuel Vogel berichten zu dürfen. Sebastian soll ein geheimnisvolles Gemälde im Nachtzug nach Prag begleiten. Als es den ersten Toten gibt, muss sich der schüchterne Held g3_SchneeinRio_filmplakatnicht nur mit seiner zickigen Verlobten, sondern auch mit schottischen Spionen und russischen Agentinnen herumschlagen. „Schnee in Rio“ ist eine Film-Noir-Agentenfilm-Parodie, die einen Riesenspaß macht! Schon zu Beginn knallen die Filmemacher dem Zuschauer einen perfekt designten Bond-Vorspann um die Ohren, inklusive Titelsong der sich tatsächlich vor den Shirley-Bassey-Vorbildern nicht verstecken muss.

Ohnehin ist der Soundtrack von Jonas Grauer eines der Highlights dieses Werks. Die Entscheidung, das alles in schwarz/weiß zu drehen funktioniert sehr gut. Kameramann Konrad Simon imitiert toll den Stil der Edgar-Wallace-Filme. Manchmal hatte ich das Gefühl, hier hätte ein klareres Bildkonzept und eine statischere Kamera gut getan. Bei dieser klassischen Idee muss nun nicht alles von der Schulter gefilmt sein, da kann man ruhig auch klassisch auflösen. Hier tritt zudem einmal mehr das Problem zutage, dass eine Geschichte auf 25 Minuten erzählt wird, der ein paar weniger nicht geschadet hätten. Aber sonst ist einfach alles stimmig, die Ausstattung ist grandios und trifft die Zeit perfekt, die Schauspieler sind mit viel Spaß bei der Sache, allen voran Erol Sander, der dem Bond-Abziehbild die nötige Gravitas verleiht. Höchst sehenswert!

Und dann gibt’s zum Abschluss nochmal aufs Maul. In „Red Dogz“ von Anne Chlosta treffen zwei verfeindete Hamburger g3_reddogz_filmplakatHooligan-Gangs aufeinander. Dummerweise verliebt sich die toughe Kim von den Red Dogz in den Blue Bastard Ben. Das sieht ihr Ex-Freund Rocco gar nicht gern. Und so kommt, was kommen muss. Kim muss sich entscheiden. Wer an der Hamburg Media School einen Actionfilm durchboxt, hat meine Aufmerksamkeit. Regisseurin Anne Chlosta macht zudem nicht den Fehler, das Ganze stilistisch wie dutzende anderer Hooligan-Kloppereien aussehen zu lassen. Damit reiht sich „Red Dogz“ ein in die Filme dieser Genrenale, die es geschafft haben, die Grenzen ihres Genres zu erweitern.

Die Anleihen beim Drama sind auch hier vorhanden, doch Regisseurin Chlosta hat offensichtlich keine Lust auf einen weiteren „Romeo & Julia“-Abklatsch gehabt. Ihre Inszenierung hat Zug und Biss, aber lässt auch Raum für Unausgesprochenes, den Hauptdarstellerin Laura Maria Heid als „Kim“ und Alexander Milo, der den Verschmähten „Rocco“ spielt, subtil zu nutzen wissen. Die Kämpfe sind hart inszeniert, man ist stets mittendrin und behält dennoch die Übersicht – top Zusammenspiel von Kameramann Stefan Bühl und Stunt-Koordinator Ronny Paul. Und was mir als Hamburger in Hamburg nicht unwichtig ist: Die Drehmotive sind nicht ausgelutscht! Man hat das Gefühl einer Verortung aber ohne ständig am Fischmarkt und auf der Reeperbahn rumzueiern. Ein echt fesselnder 20-Minüter!

Damit ist der Abschied da. Mit den fünf letzten Filmen des Festivals ist der Reigen der Rezensionen an seinem Ende angelangt. Doch für alle, die sich gefragt haben, wie der eine oder andere Film wohl entstanden sein mag, gibt es gute Nachrichten. Mit vielen der Filmemacher kam ich in Berlin ins Gespräch. So wird es über ein paar ausgewählte Filme in der nächsten Zeit hier auch Drehberichte geben. Bleibt dran!

  • Seid Ihr meiner Meinung? Oder eher nicht meiner Meinung? Oder ganz und gar nicht meiner Meinung, verdammt nochmal, waserlaubtdersicheigentlich? Dann lasst uns in den Kommentaren diskutieren!

Das könnte Dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.