Die Kurzfilme der Genrenale3 – Die Block-4-Review

Genrenale, ohoo! Wir überschreiten mit dem heutigen Reviewblock den Äquator der 27 zu verköstigenden Kurzfilme des Berliner Genrefestivals. Folgt mir in die 18:30-Uhr-Vorstellung vom 11.02., denn der letzte Block des ersten Tages steht heute auf meinem Speiseplan. Lecker!

G3_Kurze_Block_04_1000pxMancher mag nach der letzten Woche beziehungsweise dem letzten Block die berechtigte Frage auf den trockenen Lippen verspürt haben, was um alles in der Welt denn da noch kommen möge? Und ob das überhaupt alles mit rechten Dingen zugehe, oder ob denn der Hansel mit seinem Blog jeden Unsinn in die Höhe lobt. Tja, ich würde ja gerne so einen schönen Verriss schreiben, echt. Aber ich muss ja den Werken auch gerecht werden. Und wenn die Qualität der Filme nunmal dermaßen hoch ist – dann sag‘ ich’s auch. So. Damit kehre ich ins Reich der kulinarischen Metaphorik zurück und kündige für den letzten Kurzfilmblock des ersten Festivaltages an, ein paar Leckerbissen im Angebot zu haben.

Als erstes flimmert ein Film auf meine Netzhaut, der den Rahmen des „deutschen Genrefilms“ insofern strapaziert, als dass er mitg3_SWEETHEART_Filmplakat größtenteils amerikanischem Team in Los Angeles gedreht wurde. Da das Kernteam ein deutsches ist, höre ich hier mal auf zu nörgeln. „Sweetheart“ von Miguel Angelo Pate ist zudem ein so intensives Stück Kino geworden, dass man ihm eh wenig übel nehmen möchte. Nach dem Einschlag eines Meteoriten beginnen sich die Erwachsenen in einer amerikanischen Vorstadt zu verändern. Ein kleines Mädchen muss mit ansehen, wie seine Eltern sich nach und nach in stumpfe Wesen verwandeln, die nur noch von den simpelsten Trieben gesteuert werden. Ihren kleinen Bruder beschützend, sucht sie nach einem Ausweg.

Der Grundplot von „Sweetheart“ ist eigentlich nicht viel mehr, als eine Variante der Zombie- oder Virusapokalypse. Doch selten hat man durch eine neue Erzählperspektive, hier die des Mädchens, eine so frische und schockierende Sichtweise auf diesen alten Topos erhalten. Wieder ist die Grenze zwischen Drama und Genre nicht mehr auszumachen. Die anfangs so heimelig inszenierte Wohnung wandelt sich in dem größtenteils als Kammerspiel inszenierten 26-Minüter langsam zum Gefängnis, die nächsten Vertrauten des Mädchens, seine Eltern werden zur Gefahr und die Sorge um das Überleben des Säuglings lässt alles andere in den Hintergrund treten.

Mittendrin immer wieder die panikerfüllten Augen von Schauspielerin Caitlin Carmichael, die dem kleinen Mädchen eine fast körperlich spürbare Verzweiflung verleiht. Regisseur Pate gelingt es dabei, die feine Linie zwischen dem Mitfiebern und der Ausstellung des Leides nicht zu überschreiten. Das gelingt ihm durch das konsequente Einnehmen der Perspektive des Mädchens. Die Kamera ist auf ihrer Höhe, wir sehen die Welt durch ihre Augen, wissen auch nicht mehr über die Geschehnisse. Mit den visuellen Mitteln des Dramas bringt Pate das Grauen in die Mitte der Familie und lässt so eine wahre Horrorvorstellung Wirklichkeit werden.

Jetzt könnte man den Filmemacher bemitleiden, der nach diesem Film laufen muss. Der Gedanke wäre legitim. Aber die Befürchtung ist unbegründet. Ich persönlich mag es, wenn Regisseure und Kameraleute sich Beschränkungen auferlegen. Oft g3_barbiersblade_Filmplakatbefreit dies die Kreativität. Ob das nun auch in diesem Bewusstsein geschieht, ist im Ergebnis erstmal egal. In The Barbier’s Blade von Hakan Can macht der Filmemacher genau das. In diesem Fall ist es die Entscheidung, nur eine einzige Einstellung zu verwenden. Gerade im Thriller ist das gewagt. Ohne Schnitt nimmt man sich die Möglichkeit der Verdichtung, der Streckung von Zeit oder auch der Verzögerung einer Informationsvermittlung.

Eigentlich will der junge Seneca bei Barbier Equien um die Hand von dessen Tochter anhalten. Doch der Vater zweifelt an seiner Aufrichtigkeit und stellt die Liebe auf eine gefährliche Probe. Can und seine Kameraleute Carlo Jelavic und Patrick Goetz schaffen mit einem sorgsam gewählten Kader und nur wenigen Schärfeverlagerungen von Anfang an eine spannende Atmosphäre. Die düstere Beleuchtung und die exakte Positionierung der Schauspieler steuern jederzeit die Aufmerksamkeit des Zuschauers. Ein Kurzfilm, der die geringen Mittel in seinen sieben Minuten packend bündelt. „The Barbier’s Blade“ kann zudem noch einen Pluspunkt verbuchen, den man selbst vielen hervorragenden Filmen hier nicht immer attestieren kann: Er ist genau dann zuende, wenn er seine Geschichte erzählt hat. Respekt.

Dann geht es weiter mit einem Film, der einfach Spaß macht. „Fuck“ von Michel Guillaume erzählt von einer bunt zusammengewürfelten Truppe, die auf der nächtlichen Straße in Richtung Urlaubsziel unterwegs ist. Schnell wird g3_fuck_filmplakatklar: Jeder der Reisenden verfolgt so seine eigene Agenda. Das wäre schon Konfliktpotential genug, wären da nicht noch ein „Toter“ auf der Straße und ein mysteriöses Haus am Wegesrand. „Fuck“ ist ein Film, den ich in die Kategorie Partytape stecken würde. Ich fürchte jedoch, das war nicht die Absicht des Filmemachers.

Der Regisseur stellt hier seinen Cast in den Mittelpunkt. Das ist nachvollziehbar, denn Guillaume ist selbst Schauspieler und gehört übrigens als solcher im deutschen Fernsehen zu den angenehmeren Ausnahmen, die mehr als die üblichen Drama/Krimi-Gesichter drauf haben. Wenn man aber so ein großes Augenmerk auf die Beziehungen der Personen untereinander legt, dann ist es ein guter Rat, das Genre mit Bedacht zu wählen.

In „Fuck“ kommt der Mysteryfaktor daher leider etwas kurz. Was echt schade ist, denn technisch sieht der Film klasse aus, ist schön aufgelöst und hat herrlich schräge Figuren, die durchweg ungewöhnlich besetzt sind. Auch die Entscheidung Philipp Eschenbach als Komponisten zu engagieren ist super. Den Spaß, den alle Beteiligten am Set hatten, sieht man dem Film an und er überträgt sich auch auf den Zuschauer. Das ist erstmal das wichtigste. Zu einem Mystery-Ganzen mag sich das aber nicht fügen. Man gruselt sich halt weniger, sondern hört lieber den Dialogen zu. Insgesamt neige ich zur Einschätzung, Guillaume hat etwas zu viel gewollt, was der Film letztlich nicht einhält.

Der letzte Film im Block ist mit 38 Minuten der längste Kurzfilm im Festival. „Nocebo“ von Lennart Ruff erzählt von Christian, der an Schizophrenie leidet. Eines Abends macht er eine Meldung auf der Polizeiwache. Während eines NOCEBO_Plakat_A1.inddMedikamententest, bei dem er mit seiner Freundin Anna teilgenommen hat, hat es einen Toten gegeben. Doch die Polizisten glauben ihm aufgrund seiner Krankheit kein Wort und lassen ihn einweisen. Zwar gelingt ihm die Flucht, aber wenn er nicht mal seine eigene Schwester überzeugen kann – kann er sich dann selbst trauen?

Trotz seiner undankbaren Länge fesselt „Nocebo“ von der ersten bis zur letzten Minute. Clever wechselt Regisseur Ruff das Pacing, braucht nur wenig Exposition, um seine Hauptfigur in eine atemlose Jagd zu hetzen. Dabei spielt der Film mit den Wahrnehmungsebenen, bis wir als Zuschauer selbst an Christian zweifeln. Die kalten Farben der Münchener Nacht stehen im krassen Kontrast zur Wärme des Lichts in den Szenen zwischen Christian und Anna. Die Kamera von Jan-Marcello Kahl fängt die bayerische Metropole ein, wie man sie noch nicht gesehen hat. Das visuelle Konzept ist dabei ganz auf die Erzählperspektive Christians ausgerichtet. Wir bleiben immer nah an seiner Wahrnehmung. Nur in einer Schlüsselsituation verlassen wir die Hauptfigur, um dem Erkenntnisprozess einer anderen beizuwohnen.

Ruff macht außerdem am Ende nicht den Anfängerfehler mehrdeutig zu bleiben, sondern bietet einen klassischen Kiss-Off. Ja, sicher, das mag man alles als Mittel des modernen TV-Krimis bezeichnen. Aber das ist obere Kategorie Christian-Alvart-Tatort oder „Kriminaldauerdienst“ – nix anderes! Den Namen Lennart Ruff jedenfalls sollte man sich irgendwo notieren. Und nicht mit Bleistift, mit Kuli.

Das war also der vierte Block. Damit ist der erste Festivaltag abgeschlossen. Allein 18 Kurzfilme an einem Tag – ein ordentliches Pensum. Jetzt bleiben noch neun Streifen in den zwei Blöcken des 12. Februar. Ich hoffe, Ihr seid nächsten Mittwoch wieder dabei!

  • Seid Ihr meiner Meinung? Oder eher nicht meiner Meinung? Oder ganz und gar nicht meiner Meinung, verdammt nochmal, waserlaubtdersicheigentlich? Dann lasst uns in den Kommentaren diskutieren!

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