Animation mit Kopf und Schreibmaschine

Plötzlich ist alles anders. Als Animationsstudent Eric Giessmann nach einem Tinnitus ertaubte, war das für ihn ein Schock. Doch er ließ sich von seiner Erkrankung inspirieren und verarbeitete nach der Genesung einen Teil dieser Erfahrung in seinem Abschlussfilm. Rodja Pavlik hat er erzählt, wie er den gemacht hat. Film gibt’s unten!

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Animator Eric Giessmann bei der Arbeit am Film. Foto: Eric Giessmann

Vor kurzem stieß ich für mein Nebenprojekt „Die Schreibmaschinisten“ auf den sehr sehenswerten Film „Typewriterhead“ des deutschen Filmemachers Eric Giessmann. Der 28-Jährige aus Dormagen präsentiert damit seine Abschlussarbeit an der AKV ST Joost, Breda in den Niederlanden im Studiengang Animation. Und da ich momentan ein sehr starkes Faible für Schreibmaschinen habe, schrieb ich den Filmemacher an, um die Hintergründe für seinen Kurzfilm zu erfahren.

Giessmann machte sein Abitur 2006, fing zu studieren an – aber dann brachte eine plötzlich auftretende Krankheit sein Leben fast zum Stillstand. Er erlitt einen Tinnitus, kurz darauf ertaubte er – seine Innenohren waren ruiniert. Es kann sein, dass die Ertaubung und die anschließenden Behinderungen auf den Tinnitus zurückzuführen sind, die Ärzte können aber auch nicht ausschließen, dass die beiden Ereignisse unabhängig voneinander eintraten. „Genau genommen weiß man sehr wenig über die Vorgänge im Innenohr. Die Ärzte finden gegenwärtig keine plausiblen Gründe und es gibt auch keine direkten Therapiemöglichkeiten“, so Giessmann in einem Interview gegenüber den Schreibmaschinisten. „Zu dem Zeitpunkt hatte ich denkbar alles verloren, was mir zum Leben wichtig war“, schilderte er seine Lage. „Ich entschied mich nach dieser Episode für ein Cochlea-Implantat. Danach musste ich erst hören und gehen neu lernen.“ Das Implantat ist Hörprothese für Gehörlose mit intaktem Hörnerv. Erst als das Hören und Gehen einigermaßen klappte, konnte der Filmemacher sein Studium wieder aufnehmen und 2015 beenden.

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Storyboardzeichnung des Schreibmaschinenkopf-Manns. Foto: Eric Giessmann

In der Phase des erzwungenen Nichtstuns entstanden auch erste Ideen für den Abschlussfilm. „Es war mir wichtig, das Drehbuch selbst zu schreiben“, erzählt Giessman. „Die Idee mit der Schreibmaschine entsprang einer Skizze, die ich wären der Zeit gemacht hatte, als diese ganzen Probleme mit meinem Kopf anfingen. Natürlich konnte ich in der Zeit als Gefangener in meinem Körper leider denken und so hörte mein ‚Apparat‘ auch nicht auf zu rattern“, beschreibt der Animator die Situation.

„Ich wägte noch zwischen ein paar anderen Ideen ab und entschied mich dann aber für den Schreibmaschinenkopf-Mann. Ich mochte den Charakter einfach. Und Charaktere, die man auf Anhieb mag sind gute Charaktere, weil man dann nicht mehr damit beschäftigt sein muss, ihn sympathisch zu machen.“ Auch ist der Film als Hommage an die Schreibmaschine zu verstehen: „Die Schreibmaschine trägt auch zu etwas Nostalgie im Film bei, sie ist etwas, das man nur noch aus Geschichten oder alten Filmen kennt. Heute ist sie durch den Computer ersetzt worden – damit wollte ich auch zum Ausdruck bringen, dass hier etwas zu Ende geht, etwas Aussterbendes. Der Schreibmaschinenkopf als ein Symbol des denkenden Menschen, das ist jedem sofort klar – und darum herum spann ich dann die Geschichte, die ich erzählen wollte.“

Eric Giessmann bei der Stop-Motion-Animation. Foto: Eric Giessmann

Eric Giessmann bei der Stop-Motion-Animation eines Vorgängerprojekts. Foto: Eric Giessmann

Der Film kombiniert handgezeichnete Bilder mit Computer-Animationen und besticht durch einen sehr intensiven, fast unruhigen Aquarell-Look. Wie Giessmann erklärte, wurde der gesamte Film mit speziellen Filtern bearbeitet, damit er das Erscheinungsbild eines handgemalten 2D-Films bekam. „Die meiste Arbeit wurde im Computer erledigt. Zuerst wurden die fertigen Szenen aus der 3D-Software rausgerendert, wobei ich bereits hier versucht habe, so stark wie möglich an den finalen Look heranzukommen.“ Die Zeit, die die Renderfarm – bestehend aus zwei PCs à sechs und acht Cores – benötigte, betrug etwa zwei bis drei Wochen – und das im Dauereinsatz Tag und Nacht.

„Da ich von Anfang an geplant hatte, diesen handmade look eines Pastell/Ölgemäldes zu erreichen, investierte ich sehr viel Zeit in die Ausarbeitung von individuellen Effektfiltern in der Compositing Software.“ Der Finale-Look-Filter kam erst ganz am Ende, quasi als zusätzlicher Layer. Dafür musste Giessmann etwas tricksen: „Hierzu musste ich sogar ein wenig selbst programmieren und weitere Programme hinzuziehen, damit der Filter auf jedes Frame des knapp 3.000 Frames (12 fps) langen Films angewendet werden konnte. Dieser letzte Filter sorgte dann auch dafür, dass die Konturen verwischen und man den Eindruck bekommt, einen Film zu sehen, bei dem jeder Frame per Hand gemalt ist.

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Das Set-Up für die Tonaufanhemen mit der Continental-Schreibmaschine. Foto: Eric Gassmann

Obwohl optisch nicht so leicht erkennbar, da ziemlich verschlankt, stand als Schreibmaschine eine Continental der Wanderer-Werke Siegmar-Schönau Pate. „Mein Vater hatte noch diese alte Schreibmaschine bei sich rumstehen, ich glaube, noch aus dem Zweiten Weltkrieg stammend. Wiegt fast ´ne Tonne und macht unglaublich hübsche Geräusche“, so der Filmemacher. „Ideal für den Sounddesigner Simon Kamphans und den Komponisten Robert Wolf .“

„Ich versuchte, den Mechanismus zu verstehen und zu reparieren, putzte und ölte sie. Man ist doch überrascht, wie genial diese ganzen Schräubchen und Gewinde darin zusammen funktionieren. Da waren richtige Heureka-Momente dabei. Anschließend lief sie wieder Klasse und man konnte darauf schreiben. Das alles war natürlich wichtig für das 3D-Modell nachher im Computer“, so der 28-Jährige.

Die Tonaufnahmen waren ein wesentlicher Bestandteil der Produktion: „Wir haben einen Aufnahmetag organisiert, an dem Simon mit seiner ganzen Apparatur zu mir kam. Danach habe ich wild auf dem Teil rumgetackert, gehackt, geschlagen, gekratzt… was eben alles so geht, während Simon mit Headphones da saß und die Elektronik bediente. Danach war die Schreibmaschine etwas verbogen, aber ich konnte sie wieder reparieren“, erklärte Giessmann abschließend. Privat wird Eric Giessmann die Schreibmaschine eher nicht verwenden. „Ich hatte die Idee, ein paar offizielle Briefe mit ihr zu schreiben – mit schön vielen mit X übertippten Rechtschreibfehlern, aber ich bin noch nicht dazu gekommen“, so der deutsche Filmemacher. Und ganz pragmatisch: „Der Hauptzweck von ihr bestand darin, als Filmreferenzmaterial zu dienen.“

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Sounddesigner Simon Kamphans und Regisseur Eric Giessmann. Foto: Eric Giessmann

Zurzeit bewirbt sich der Animator mit „Typewriterhead“ bei diversen Festivals weltweit. „Dann warte ich erst mal auf die Reaktionen und entscheide dann, wie es weiter geht“, so Giessmann. Ob er beim Film bleibt oder beruflich doch „nur“ zeichnet, lässt er offen. „Ich sehe diese beiden Richtungen, Film und Zeichnung, nicht als weit voneinander getrennt. Ich mache gerne beides und für mich schließt das eine das andere nicht aus.“

Eine kürzere Fassung des Artikels findet sich auf dem Schreibmaschinisten-Blog von Rodja Pavlik.

TYPEWRITERHEAD from Eric Giessmann on Vimeo.

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