Wenn das Blut gefriert

Es klingt, wie Robert Wise‘ Gruselfilm aus den 60ern. Für Holger Frick wurde es zur Realität. Der Münchener schoss im Schnee seine Splatter-Komödie „Happy B-Day“. Wie Kunstblut, Team und Schauspieler auf die niedrigen Temperaturen reagierten, verriet er uns.

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(Foto: Holger Frick/Superama)

Es ist Winter. Die Sonne steht tief. Fast märchenhaft liegt der Wald unter einer dicken Schicht von Schnee. Ein einsamer Jogger zieht seine Runden durch die weiße Landschaft. Nur sein eigener Atem und die Schritte im knirschenden Schnee durchbrechen rhythmisch die Stille des Ortes. Doch was ist das? War das ein Knacken? Plötzlich springt eine maskierte Gestalt auf den Weg. In der Hand hält sie eine Automatikpistole. Warum hat sie es auf ihn abgesehen? Und warum passiert das ausgerechnet heute, an seinem Geburtstag? Und woher kommt plötzlich dieses viele Blut?

Es ist schon eine Herausforderung, in einen Kurzfilm unter zehn Minuten mehrere Twists einzubauen. Diese dann noch glaubwürdig hinzukriegen, trotz komödiantischer Überzeichnung, ist schon preisverdächtig. Konsequenterweise hat der Münchner Regisseur Holger Frick für seinen Achtminüter „Happy B-Day“ schon die eine oder andere Auszeichnung eingefahren. Bereits 2014 lief der Streifen auf zahlreichen internationalen Festivals, holte gar den „Best Foreign Short Award“ beim Idaho Horror Film Festival. Hierzulande war er im Programm der Genrenale2 vertreten und schaffte es unter die besten zehn Kurzen beim „Shocking Shorts Award“. Doch über kurze Pointenfilme zu schreiben, bringt für uns Autoren einen Nachteil mit sich: Inhaltlich muss man um die Twists herumtänzeln. Aber die sind ja für Euch als Leser das Interessanteste. Also ein Test: Wenn Ihr den Großteil der obigen Fragen eh beantworten könnt, seid beruhigt. Dann gehört ihr zu den Glücklichen, die den Kurzfilm bereits kennen. Alle anderen seien gewarnt. Denn dieser Beitrag ist eine veritable Spoilerparade. Wer den Kurzfilm unbedingt vorher noch anschauen möchte und wen die Hürde von 99 (US-)Cent nicht abschreckt, kann dies per Vimeo on Demand tun!

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(Foto: Holger Frick/Superama)

Treuer Shocking-Shorts-Teilnehmer

Frick begann seine Medienkarriere beim Sender RTL II. Der gebürtige Franke hatte lange im Saarland gelebt und kam nach München, um dort ein Praktikum zu machen. Fernziel war die Filmhochschule. Das kleine Sender-Team hatte den Vorteil, dass Frick schnell eigenständig On-Air-Promos schneiden durfte und auch zügig eine Kamera in die Hand gedrückt bekam. Nicht der klassische Einstieg für Filmemacher. Statt an die HFF München zu gehen, blieb er ein paar Jahre bei RTL II, die ihm als Fortbildung sogar einen Sommerkurs an der New York Film Academy finanzierten. Er übernahm bei RTL II auch größere Drehs auf 35 mm und gründete schließlich mit seinem Kollegen Volker Haak zusammen die Produktionsfirma Superama.

Wer die Shocking Shorts aufmerksam verfolgt, für den ist der Name Holger Frick kein unbekannter. Schon zweimal bewarb sich der Regisseur mit außergewöhnlichen Stoffen um die begehrte Trophäe. „Das ist der einzige Genre-Wettbewerb dieser Art hier, bei dem man eine solche große Resonanz bekommt“, erklärt Frick seine Treue. 2008 gelangte er mit „Anyone There?“ (Hier in voller Länge angucken!) unter die letzten zehn, 2010 hieß sein Beitrag „… schließ‘ ganz fest die Äuglein“ (In voller Länge ansehen!)). „Happy B-Day“ war 2013 unter den letzten dreien und wurde auf der DVD veröffentlicht.

Der Startschuss für den aktuellen Film war daher auch eher der Wille, wieder ein eigenes Werk einzureichen. Die Herangehensweise aber war sehr geplant, wie Frick erklärt: „Prinzipiell versuche ich am Anfang immer darüber nachzudenken: zwei Leute, die ich möglichst kenne, eine Location, wo ich weiß, ich kriege die. Und daraus entwickle ich eine Geschichte.“Bei „Happy B-Day“ wählte er eine Situation, die hervorragend als gemeinsamer Nenner funktioniert: Ein Streitgespräch innerhalb einer zwischenmenschliche Beziehung. Frick fasst die Prämisse so zusammen: „Der Film ist eigentlich ein menschliches Drama mit einem blutigen Twist.“ Durch die absurde Situation kommen die Komödienelemente dazu.

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(Foto: Holger Frick/Superama)

Falscher Ast

Dann ging es an die Vorbereitung. Das Team war gewollt klein, um flexibel zu sein und die Kosten niedrig zu halten. Mit Hauptdarsteller Gabriel Raab hatte Frick schon vorher zusammengearbeitet. Raab war übrigens auch im Indie-Mysteryfilm „Schattenwald“ zu sehen, den ich im März hier im Blog vorstellte. Die Schauspielerin Isabel Thierauch wurde dem Regisseur von einem Kollegen empfohlen. Den Kameramann Tim Ruhstorfer kannte der Regisseur von kommerziellen Projekten seiner Produktionsfirma. Die Zeit war knapp, die erste Klappe fiel am 16. Februar 2013 – keine zwei Wochen vor Abgabeschluss. Und das war bereits die Fristverlängerung.

Das Drehbuch sah vor – Achtung, Spoiler! (Ich sag’s nicht nochmal!) – dass beide Protagonisten nacheinander in ein und denselben spitzen Ast stürzen. Dafür ließ Frick von einem befreundeten Schlosser zwei auf die Körper der Schauspieler angepasste Halbkreise aus Metall anfertigen. Einen passenden Ast hatte er sich beim Location-Scouting aus dem Wald mitgenommen. Dieser wurde auseinander gesägt und dessen drei Teile zwischen die jeweiligen Halbkreise geschraubt. Die trickreiche Konstruktion sollte unter der Kleidung der Schauspieler verschwinden, während nur die Astteile nach draußen stechen. Das Metall sorgte für die nötige Starrheit, sodass der Effekt des Aufgespießtseins glaubwürdig erscheint.

Mit ein paar Euro für mehrfachen Kostümkauf, unabdingbar bei Kunstbluteinsatz, sowie Cateringkosten und Anreise der Hauptdarstellerin war damit das Endbudget von 600 Euro auch schon erreicht. Alles weitere, die beiden eingesetzten Kameras sowie weiteres Equipment, waren im Ausrüstungspool der Firma vorhanden. Eigentlich sollte auf der Blackmagic Cinema Camera gedreht werden. Die hatte allerdings zu diesem Zeitpunkt massive Lieferprobleme aufgrund von Verunreinigungen auf den hergestellten Bildsensoren und kam nicht rechtzeitig an. Daher griff das Team auf die ihnen bekannten DSLRs Canon 7D und 60D zurück.

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(Foto: Holger Frick/Superama)

„Fargo“ lässt grüßen

Zwei Drehtage hatte Frick angesetzt. Es hatte geschneit. Vom Regisseur gar nicht geplant, stilistisch aber toll: „Blut im Schnee, ein Bild, dass man auch aus „Fargo“ oder „Dead Snow“ kennt, macht schon mehr her, als wenn man im Sommer im Wald dreht.“ Der Regisseur hatte extra einen Wohnwagen organisiert, in dem sich Team und Darsteller zwischen den Takes aufwärmen konnten. Hier stellte sich ein erster Nachteil der sehr kurzen Vorbereitungszeit heraus. Beim Scouting hatte Frick darauf geachtet einen schön entfernten Ort im Wald zu erhaschen. Leider konnte der Wohnwagen bis dorthin nicht vorgefahren werden. Es war also ein Fußmarsch nötig, den weder Schauspieler noch Team häufig antreten konnten.

Am Samstag, den 16. Februar drehte das Team alle Einstellungen mit Jogger, Diskussion und ein paar Kopter-Schüsse aus der Luft. Der Nachteil bei einem Außendreh im Winter sind nicht nur die Temperaturen. Auch das Licht kommt spät und geht früh, es stehen also keine zehn Drehstunden zur Verfügung. Immerhin eine natürliche Weise, um Überstunden auszuschließen. „Wir haben sehr chronologisch gedreht. Nur das Ende haben wir am zweiten Tag gleich zu Beginn gedreht“, sagt Holger Frick. Denn der Sonntag war dem Blut vorbehalten.

„Mother, Oh god. Blood! Blood!“

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(Foto: Holger Frick/Superama)

Den künstlichen Körpersaft hatte der Filmemacher im Halloween-Shop erstanden. Durch frühere Projekte und den einen oder anderen Test wusste Frick, dass Kunstblut auf weißer Kleidung nach nichts aussieht. „Das wirkt eher wie Soße oder Saft“, erinnert sich der Filmemacher. „Wir haben deshalb beim Kostüm auf dunkle Klamotten geachtet und das Blut noch mit etwas mit Gelee oder Blutgel angerührt.“ Zudem gab es Kapseln für das Blut im Mund. Gerade das Heruntertropfen in den Schnee musste echt aussehen, weil hier die Unterschiede in der Viskosität von echtem zu falschem Blut deutlich werden. „Es gab ein paar Shots, wo ich mich dann entscheiden habe, die nicht reinzunehmen, weil es einfach nicht echt aussah.“

Wichtig war auch zu wissen, wenn man einmal angefangen hat, gibt es kein zurück mehr. So war es eine kleine Herausforderung, das Set nach jedem Take halbwegs wieder blutfrei zu bekommen. Von Gesichtern und Händen war die rote Farbe irgendwann gar nicht mehr herunter zu bekommen. Spätestens nachdem Thierauchs Rolle ebenfalls in den Ast gestürzt ist, waren beide Darsteller komplett blutverschmiert. Dafür mussten Frick und sein Kameramann Tim Ruhstorfer auch schonmal die Einstellung ändern, um eine schon blutverschmierte Wange aus dem Bild zu halten.

Es ist kalt. Alles ist voller Kunstblut. Da sagt Schauspielerin Isabel Thierauch plötzlich: „Oh Gott, meine Hände frieren ein.“ Das Kunstblut war zwar nicht wirklich gefroren, hatte aber aufgrund der hohen Zuckerkonzentration darin seine Viskosität verändert und wurde immer starrer. Also nichts, was nicht von einem heißen Tee gelöst werden konnte.

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(Foto: Holger Frick/Superama)

Ast-rein

Besonderes Augenmerk legte Holger Frick beim Dreh auf das Funktionieren des falschen Astes: „Wenn der Zuschauer nicht glaubt, dass die an dem Stock hängen und er sieht, dass das eine Attrappe ist, ist er raus aus der Welt. Das zu verhindern war natürlich ultimativ wichtig!“ Daher gab es vorher Tests, um sicher zu stellen, dass das funktionieren würde. Die Technik war die eine Seite, das überzeugende Spiel der Schauspieler die andere. Hier kam Thierauch und Raab zu Hilfe, dass sie stundenlang in der Kälte stehen mussten und diese Anspannung für die gespielten Schmerzen nutzen konnten.

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(Foto: Holger Frick/Superama)

Dann machte die Anspannung des Drehs Holger Frick doch noch einen Strich durch die Rechnung. Nachdem Raab in den Ast gefallen ist, schraubte der Regisseur statt Mittelteil und Spitze nur die Spitze des Stocks an das Gestell. Dadurch wirkt der Stock plötzlich doppelt so lang, als schließlich auch Thierauch hinein gestürzt ist. „Ich habe versucht, das im Schnitt heraus zu kadrieren, habe Bilder vergrößert oder andere Einstellungen gewählt“, sagt der Filmemacher. So sieht man es im fertigen Film nur an ein, zwei Stellen. „Da hätte ich mir im Prinzip eine größere Crew gewünscht und jemanden, der ausschließlich dafür zuständig ist.“

Tim Ruhstorfer drehte vornehmlich von der Schulter und nutzte Zeiss Compact Primes auf den DSLR-Kameras. In der Postproduktion hätte Frick gerne mit einem besseren Codec gearbeitet. Die erwünschte Kamera von Blackmagic hätte ProRes aufzeichnen können, RAW wär noch schöner gewesen. So musste das Postteam auf dem H.264-Codec Vorlieb nehmen. Hier verlief aber alles nach Plan. Sorgen bereitete den Filmemachern nur kurz, dass die Kameras, obgleich beide laut Hersteller Canon über den selben Sensor verfügen sollen, unterschiedliche Bildeindrücke wiedergaben. „Wir hatten komplett gleiche Settings von ISO, Shutter, Weißabgeich. Trotzdem war ein Bild blau und eins braun“, erinnert sich Holger Frick. Dafür ging immerhin ein Tag im finalen Grading drauf.

Creature Feature

Der Achtminüter war schließlich pünktlich zum Einreichungstag fertig und lief auf über 40 internationalen Festivals. Mittlerweile arbeitet Holger Frick an seinem ersten Langfilm. Die Idee steht bereits, ein großer Teil des Drehbuchs auch. Es soll ein Creature Feature werden. Feedback bekommt er aus der Gruppe um den Neuen Deutschen Genrefilm herum. Frick nimmt eine deutsche Sage als Grundlage für sein Projekt und erklärt, warum: „Wenn man versucht einen amerikanischen Genrefilm nachzumachen, dann kann man nur auf die Nase fallen. Weil sicher niemand sagt ‚Toll, „SAW“ gibt’s jetzt auf Deutsch!'“ Seiner Meinung nach gibt es genügend deutsche Mythen und Geschichten, aus denen sich etwas stricken lässt, das einen deutschen Bezug hat und nichts mit Nazis zu tun hat. „Wenn man so etwas findet, hat man sehr viel größere Erfolgschancen, weil man das deutsche Publikum anspricht.“

Der Film geht aktuell in die Finanzierungsphase. Frick schielt auf eine internationale Auswertung, wird daher mit englischsprachigen Schauspielern arbeiten. Aktuell plant er, dafür einen Proof-of-concept-Teaser zu drehen. Dieser soll zeigen, welche Atmosphäre er sich vorstellt und wie später die Kreaturen aussehen sollen. Über das Thema hält er sich noch bedeckt. Eines jedoch will er schon verraten: „Die Creatures würde ich gerne als Animatronics machen! Ich möchte echte Effekte bauen. Auch als Hommage an die 1980er Creature-Filme, wie „Tremors“, „Gremlins“ oder „Critters“.“

NACHTRAG Montag, 15.06.2015: In der ersten Version des Artikels bezeichne ich Holger Frick als Saarländer, er ist aber gebürtiger Franke. Zudem lief der Film nicht auf über 20, sondern über 40 Festivals. Beides ist korrigiert. Zudem habe ich die Linkliste um die Agenturen der Hauptdarsteller und einen Link zu den Shocking Shorts erweitert.

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