KurzfilmKino: „(NULL)“ von David Gesslbauer und Michael Lange

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Eine junge Frau startet in den Tag. Kaffee machen, duschen, Haare fönen. Ab aufs Rad zur Arbeit. Ans Telefon, Konzept verwerfen, noch mehr Kaffee. Wieder aufs Rad und nach Hause. Schminken, Nagellack, ab in den Club. Discokugel, Cocktailglas, Koks. Geweitete Pupillen. Und jetzt?

Tja, das ist auch schon alles. Irgendwie. „Meine Fresse, Landsiedel!“, sagt ihr jetzt, „Das ist der langweiligste Plot, den Du uns bisher vorgestellt hast.“ Das ist rein faktisch nicht von der Hand zu weisen. Glücklicherweise ist das bei „(NULL)“ eher zweitrangig. Den Regisseuren David Gesslbauer und Michael Lange ging es nicht darum, die Gebrüder Nolan und ihr „Inception“ inhaltlich herauszufordern. Was aus verschiedenen Gründen keine gute Idee ist. Aber das nur am Rande.

Der Plot des Films ist schnell geklärt, wir folgen einer junge Frau durch den Tag. Ende. Angemessener Inhalt für vier Minuten. Statt mit dem „Was?“ haben sich die Macher allerdings höchst intensiv mit dem „Wie?“ des Erzählens ihres Kurzfilms auseinander gesetzt. Sie nutzen dafür eine ungewöhnliche Einschränkung und verengen den Bildkader auf einen Kreis in dessen Mitte. Alles, was im Bild auftaucht, unterwirft sich in der Auswahl nun der Assoziation mit einem Kreis. (Wer jetzt schon „Hä?“ denkt, gucke am besten gleich den Film unten.)

Das hat einige interessante Dinge zur Folge. Gesslbauer und der für die Kamera verantwortliche Lange konzentrieren erstmal das Bild und berauben sich jeglicher Möglichkeit, eine klassische Kadrierung vorzunehmen. Zudem müssen alle im Bild erzählten Gegenstände, Orte, Handlungen nach der Kreisform ausgewählt oder wiederum darauf reduziert werden. Dadurch wird automatisch der Match Cut das dominante Stilmittel des Films. Den Regisseuren ist beim Schnitt auf den nächsten, erzählerisch wertvollen Gegenstand gleich, welche Größe dieser hat. Das geht vom Autoreifen, über den Gullydeckel bis zum Knopf an der Bluse und wird in der, nun ja, fast dramatischen Auflösung am Ende noch kleiner.

Dinge, die erzählerisch wichtig sind, aber nur schwerlich der Kreisform entsprechen, wie Kleidung oder Fahrzeuge, werden über das Detail, wie einen Knopf und den Reifen, repräsentiert. Die Auswahl der „Pars pro toto“-Vertreter ist gut, denn der Transfer gelingt immer überraschend und sofort identifizierbar. Dabei ist dieser Wechsel der Einstellungsgrößen zudem sehr reizvoll, da er die Tatsache noch mehr verschärft, dass wir als Zuschauer nichts von der Umwelt mitbekommen, ja, sogar die Protagonistin nie so richtig sehen.

Damit kriegen Gesslbauer und Lange zwei Dinge gleichzeitig hin, von denen viele Filme nicht mal eines schaffen. Der Streifen findet eine neue Bildsprache, hier sogar sehr extrem. Und ihm gelingt es, diese visuell so klar zu etablieren, dass jeder sofort kapiert, was er tut. Dass der Streifen dafür auch keinen Dialog braucht, leuchtet ein. Vorbildlich lässt sich hier demonstrieren, wie eine klare, harte, kreative Entscheidung, weitere klare Konsequenzen für andere Gewerke hat. Der Mut zur Weglassung oder der Verrätselung durch die visuelle Metonymie lässt nur eine assoziative Schnittform zu. Beides wiederum fordert das Publikum heraus, aktiv die Geschichte zu konstruieren. Ein schöner Nebeneffekt ist, dass Zuschauer völlig unterschiedliche Dinge in ihm sehen, da viel individuelle Interpretation nötig ist.

Die Beschränkung auf das Guckloch ist gleichzeitig eine Befreiung der Vorstellungskraft. Denn was wir nicht sehen, müssen wir füllen. Diese Führung gelingt den Regisseuren hervorragend. Die Grenzen dessen hätten Gesslbauer und Lange gerne noch weiter ausreizen dürfen. Entweder dadurch, eine noch komplexere Geschichte zu erzählen oder noch klarer Gebrauch von Eisensteins assoziativer Schnitttechnik zu machen. Das Hamsterrad bleibt da die einzige richtig konfrontativ geschnittene Einstellung – und die Metapher ist auch sehr bekannt. Immerhin ist „(NULL)“ für vier Minuten ein enorm unterhaltsames Experiment, das zeigt, wie schön unkonventionelles, visuelles Erzählen sein kann.

Fazit: Einschränkung als Befreiung – visuell höchst innovativ und konsequent erzählter Kurzfilm!

( NULL ) (2013) from David Gesslbauer on Vimeo.

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