KurzfilmKino: „Who is Hu“ von Markus Hagen & Matthias Wissmann

kurz_huMit einem Ruck verschwindet der dunkle Sack vom Kopf. Der Mann, der gerade sein Augenlicht wieder erlangt hat, muss sich kurz orientieren. Er sitzt auf einem Stuhl, die Hände auf den Rücken gefesselt. Sein Gesicht sieht aus, als hätte er sich mit einer ganzen Horde Türsteher angelegt. Und jetzt hält ihm der Typ gegenüber auch noch eine Waffe ins Gesicht? Wer sie beide denn seien, will er wissen. What the fuck? Hat er etwa sein Gedächtnis verloren? Wer täuscht hier wen? Und wer ist Gangster oder Bulle?

Ach schön. Eine Lagerhalle, Leute, die einander Knarren in die Antlitze halten und nicht zuletzt eine verschachtelte Erzählweise. Wer denkt beim Set-Up von „Who is Hu“ nicht an „Reservoir Dogs“ von Quentin Tarantino oder dessen unbekanntere Inspirationsquelle „City on Fire“ von Ringo Lam? Hier könnte die Rezension schon an ihrem unwürdigen Ende angelangt sein, wenn das alles wäre, was man über den Film sagen kann. Aber Ihr wisst ja: Ich schreibe hier über nichts, was ich Euch nicht empfehlen möchte. So ist es auch mit „Who is Hu“. Für die Regie gilt eigentlich eine fette Grundregel: Viele Köche verderben den Brei. Markus Hagen und Matthias Wissmann teilen sich hier diesen Credit. Sie dürfen als Beispiel gelten, dass das eine gute Idee sein kann. Wer auf der Genrenale weilte, könnte übrigens Wissmanns schönes Kurzfilmwerk „Dunkelkammer“ gesehen haben, den ich auch hier im Blog rezensiert habe.

Wenn man als Zuschauer mit der oben beschriebenen Situation konfrontiert wird, muss man flugs entscheiden, mit wem man mitfiebern will. Diese Balance hält das Drehbuch von Matthias Wissmann lange genug aufrecht, bis man ausreichend Informationen hat, um vollends verwirrt zu sein. Das darf man als Geniestreich verbuchen, der dem Film das Momentum gibt, das er braucht, um zu funktionieren. Denn jetzt gilt es, sehr genau seine Informationsvergabe zu dosieren, sowohl visuell, als auch auf der Dialogebene. Ein Wort zu viel lässt die Dramaturgie in sich zusammen fallen, ein Wort zu wenig kann schon den Zuschauer verlieren.

ACHTUNG! Den folgenden Absatz bitte überspringen, wenn Ihr den Film noch nicht geguckt habt! Hier spielt den beiden Machern ihre hervorragende Schauspielerauswahl in die Hände. Gangster wirken in Indie-Produktionen aus deutschen Landen oft albern, weil sie entweder übertrieben spielen oder einfach zu milchgesichtig rüberkommen. Ganz zu schweigen davon, dass sie in dreiviertel der Fälle diskriminierend mit Migranten besetzt werden. All diese Probleme haben Hagen und Wissmann nicht. Die Augen von Alexander Milo tragen den Film. Milo spielt den titelgebenden Hu mit schmerzvoller Hingabe zwischen Misstrauen und Verwirrung. Ihm gegenüber schafft es Christian Bergmann aus einer passiven, sitzenden Position heraus, soviel Ambivalenz zu entwickeln, dass man anfangs wirklich hin und her gerissen ist, wer denn nun lügt. Auch meistert er den Protagonistenwechsel nach zwei Dritteln des Films spielend. Heraus sticht meines Erachtens Thomas Lehmann als Bösewicht, der nicht ins ewige Klischee des sadistischen Arschlochs abrutscht, sondern gerade durch die Matter-of-factliness eines Berufsverbrechers eine enorme Bedrohlichkeit entwickelt. Und dann sorgt am Ende der Gastauftritt von Hinnerk Schönemann nicht nur für den letzten Twist, sondern auch für die zeitlose Erkenntnis, wie erhellend der Schnitt in den Blick eines Mörders sein kann. Wow. Spoiler vorbei!

Die Handkamera von Markus Hagen ist dabei stets nervöser Beobachter und gönnt uns Zuschauern keine Sekunde der Ruhe. Hagen ist stets nah an den Augen seiner Hauptfigur Hu und damit an dessen Entscheidungsfindung. Auch der Kamera ist es zu verdanken, dass man den gesamten Film über mit neuen Überraschungen rechnet. Das wird noch unterstrichen durch die Tatsache, dass Wissmann und Hagen nicht linear erzählen. Mehrfach verlassen sie den vorwärts gerichteten Erzählstrang und springen in der Zeit zurück.

Wenn auch die Punkte dafür sehr clever gesetzt sind, liegt hier vielleicht auch der Wehrmutstropfen des Filmes. In der Verschachtelung bleibt die Erzählweise linear. Es sind eigentlich klassische Rückblenden, keine komplett durcheinander gewürfelte Zeitschiene. Das hätte ich als noch reizvoller empfunden. Allerdings sind auf Kurzfilmlänge diesbezügliche Möglichkeiten auch stark begrenzt. Und was das Regieduo darin veranstaltet, hat Hand und Fuß, ist knackig erzählt und peitscht einen durch den 20-Minüter. Insofern zeigt „Who is Hu“ ein weiteres Mal, dass hierzulande ungewöhnliche Erzählweisen beherrscht werden und gut funktionieren. Hier wird auch deutlich, dass wir geile Schauspieler haben, die so etwas spielen und mit Leben füllen können!

Fazit: Hervorragender, weil ungewöhnlich erzählter, 20-Minüter mit nötiger Härte und tollen Schauspielern!

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