So geht Indieserie (1): „Kumbaya!“ oder die Sitcom auf der Couch

Zwei Typen gründen zufällig eine Internetkirche und sind mit deren Verwicklungen in der realen Welt heillos überfordert. Ein wenig klingt die Story der neunteiligen Webserie „Kumbaya!“ wie deren Entstehungsgeschichte. Glücklicherweise nur fast. Im Gegenteil, die Macher stellten nach ersten Anlaufschwierigkeiten eine erstaunliche Produktion auf die Beine.

Das Team am Motiv "Couch": Nick Buckenauer, Nassim Avat, Sebastian Drischinski, Kameramann Dennis Riebnstahl und Regisseur Lasse Buchhop

Das Team am Motiv „Couch“: Nick Buckenauer, Nassim Avat, Sebastian Droschinski, Kameramann Dennis Riebenstahl und Regisseur Lasse Buchhop (Foto: Nina Wolfert)

Im Zentrum der klassischen Multicam-Sitcom aus den USA steht seit jeher das Wohnzimmer und damit die Couch. Oft ist das dem zentralen Aspekt der Familie oder WG (wie in The Big Band Theory) geschuldet. Hier treffen sich die Figuren und sitzen schön telegen frontal vor der Kamera. Die visuelle Zentrierung auf das Sofa der Familie oder Zwangsgemeinschaft ist Formaten wie Two and a half Men, 2 Broke Girls oder den Klassikern Roseanne oder Married with Children gemein. Sitcoms dieser Art werden einmal in der Woche in einem festen Studio aufgezeichnet, so kann man günstig und schnell produzieren. Allzu schön sieht das nirgends aus, die visuelle Auflösung ist eintönig. Selten geht es bei dieser Art der Produktion mal raus an Originalschauplätze.

Keine Ahnung von Webserie

Als Nick Buckenauer und Sebastian Droschinski anfingen, ihre Sitcom „Kumbaya!“ zu schreiben, befanden sie das Requisit als hervorragende Ausgangslage für mehrere Aspekte ihrer Idee. Neben der rein finanziellen Motivation, dass die zentrale Location nichts kosten durfte, bebilderte es ganz wunderbar die Laissez-faire-Attitüde ihrer Hauptfiguren. Man könnte glauben, dahinter steckt eine extrem clevere Abwägung, in der alles der Effizienz untergeordnet war. Dem war glücklicherweise nicht so. Als Nick Buckenauer 2012 die erste Idee zu „Kumbaya!“ hatte, saß er eigentlich gerade im Schnitt eines anderen Projekts. Buckenauer begann seine filmische Laufbahn 2005, als er zusammen mit Freunden den Provinzthriller „Original Gangster“ auf Mini-DV drehte. Bei diversen weiteren Projekten sammelte er Filmerfahrung, stand vor der Kamera und schrieb. 2012 folgte schließlich der zweite Teil des Erstlingswerks. Im Schnittraum kam ihm die Idee, einfach mal etwas Serielles im Internet ausprobieren. „Ich hatte überhaupt keine Ahnung, was webserienmäßig unterwegs ist“, gesteht Buckenauer. „Bei der Kürze der Skripts hatte ich das Gefühl, dass man das eher bändigen kann, anstatt wieder einen 90-Minüter anzugehen.“

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Buchbesprechung zwischen Regisseur Lasse Buchhop und Autor sowie Darsteller Sebastian Droschinski (Foto: Nina Wolfert)

Ende 2012 begann er, die Serie zu schreiben. Nach fünf Folgen band er Sebastian Droschinski ein. Beide hatten schon bei den ersten Kurzfilmen zusammengearbeitet und teilen die gleiche kreative Geisteshaltung: Erstmal raus, später sortieren. Droschinski studierte mittlerweile in Hildesheim Kulturwissenschaften. Die Skripte wurden im Ideen-Ping-Pong überarbeitet. „Man muss sagen, dass der Kreationsprozess ganz klar von Nick kam, das ganze Gerüst stand“, erklärt der Filmemacher. „Wir haben uns noch darüber unterhalten, wo wir enden. Und ich habe ein bisschen Scriptdoctoring gemacht.“ Die späteren Folgen entstanden dann in engerer Zusammenarbeit, besonders bei den Dialogen. „Wir hatten verdammt viel Spaß, diese Episodendramaturgie zu bauen“, so Droschinski. „Wir können anders erzählen, als bei einem Langfilm, können Gags von einer anderen Folge wieder aufgreifen.“

Holperiger Start

Die Story dreht sich um Jacob und David, beide zu nichts zu gebrauchen. Eher zufällig gründen sie eine neue Religion. Als sie über das Internet immer mehr zahlungswillige Gläubige finden, stellen sie Eva ein. Die soll den ganzen Verwaltungskram machen, während die beiden vor ihrer Konsole sitzen. Außerdem soll ein Kirchenbau her. Der Tischler dafür ist schnell gefunden. Er heißt Jesus. Gemeinsam schrieben sich die Autoren zwei Rollen auf den Leib: Buckenauer wollte den Jesus übernehmen, Droschinski würde David, einen der Slacker spielen.

Das Buch stand Ende 2013. Neun Folgen waren es geworden, nicht endlos versponnen, alles aufgelöst und abgeschlossen. Die Couch war gesetzt, sie stand in dem Wohnzimmer von Buckenauers Mutter. Aber wie macht man so ein Möbelstück und die Dialoge darauf visuell auch interessant? An diesem Punkt zeigte sich, dass die Macher nicht nur die nötige Portion kreative Anarchie mitbrachten, sondern auch das Gespür für den Punkt, an dem sie an jemanden mit mehr Erfahrung übergeben. Das kam über einen Umweg zustande. Eigentlich war geplant, mit einem Studiengang des SAE Instituts zusammenzuarbeiten. Nach mehreren Treffen und konkreten Absprachen, sprangen leider die Studenten allesamt nach und nach ab. Die letzten verließen das Projekt sehr kurz vor dem Dreh, was die Autoren vor organisatorische Probleme stellte. Innerhalb kurzer Zeit mussten die beiden Produzenten nun für Ersatz sorgen.

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Am Set mit Dennis Riebenstahl, hier an der Kamera, der aber auch bei einigen Episoden Regie führte, Lasse Buchhop und Tonmeister Martin Gerigk (Foto: Nina Wolfert)

Den fanden sie in Janco Christiansen, Lasse Buchhop und Dennis Riebenstahl. Buckenauer lernte Christiansen über einen Bekannten kennen, dem er sein Leid klagte. Jeder der drei Regisseure wollte jeweils drei der Folgen übernehmen. Neun Drehwochenenden waren geplant, Christiansen übernahm zudem noch die Produktionsleitung und stellte sein Büro als Produktionsstätte zur Verfügung. Die drei Regisseure setzten sich vor jedem Dreh mit den Machern in einem „Regiegipfel“ zusammen und besprachen, wie der Stil jeweils weiter geführt würde. Alle drei brachten zudem ihre Teams, Ton- und Kameraleute mit. Laut Sebastian Droschinski wertete das die Produktion immens auf: „Es sollte für uns ja auch ein Lernprojekt werden. Und auf einmal war es so, als hätten wir eine Klasse übersprungen.“

Neuer Jesus

Das Casting hatte über die Plattform Crew-United stattgefunden. Hier hatten die beiden Projektstarter ein Gesuch nach Schauspielern eingestellt. Explizit hatten sie auf den No-Budget-Charakter hingewiesen und auch die Tatsache nicht unerwähnt gelassen, dass neun Wochenenden am Stück gedreht würde. „Wir hatten einen wahnsinnigen Zuspruch“, erinnert sich Nick Buckenauer. Die Schauspieler waren durchweg vom ungewöhnlichen Buch begeistert. Dabei war den beiden Produzenten vor allem wichtig, dass ihre Schauspieler mit der Idee und dem Format d’accord waren und wussten, worauf sie sich bei einer Webserie einlassen. Es wäre katastrophal gewesen, wenn ein Castmitglied nach drei Folgen abgesprungen wäre. Die Rollen waren so schnell besetzt, inklusive der beiden Figuren, die sie für sich selbst geschrieben hatten.

Vom Skript überzeugt: Szene mit Sebastian Droschinski und Anika Lehmann (Original Screenshot Folge 5: „David gegen Goliath“ vimeo.com)

Das Umdisponieren jedoch brachte mit sich, dass das erste Drehwochenende kurzerhand in eine Probensession verwandelt werden musste. Dieser Test erwies sich als höchst wertvoll. Denn Buckenauer und einer der Hauptdarsteller kamen mit ihren Rollen nicht klar. „Es war sofort klar: ich habe keine Ahnung, was ich als Jesus tue“, so Buckenauer. „Der andere Schauspieler auf der Couch kommunizierte nicht richtig mit Basti. Also habe ich gesagt, entweder ich gehe ganz raus oder übernehme die David-Rolle.“ Er tat letzteres und trat damit an die Seite von Kollege Droschinski: „Die Übernahme von David durch Nick war auch nur deshalb die Lösung, weil wir uns gegenseitig einigermaßen lustig finden und so voneinander abspielen konnten. Wir sind ja beides keine professionellen Schauspieler. Da wussten wir auch, das klappt!“

Ein Problem war gelöst. Doch die Rolle des Jesus war noch nicht neu besetzt. Hier griffen sie auf Nassim Avat zurück. Der Münsteraner war ihnen schon beim Casting positiv aufgefallen. Schon damals hatten Buckenauer und Droschinski sehr bedauert, dass sie keine Rolle für ihn hatten. Er erwies sich schließlich als Idealbesetzung für Jesus, bis hin zu einem schrägen Detail, laut Buckenauer: „Er ist tatsächlich in Nazareth geboren!“ Somit konnte der Dreh beginnen.

Räumliche Enge versus Gute Laune

Neben Nassim Avat und den beiden Autoren spielte Franciska Friede die vierte, große Hauptrolle. Hinzu kamen noch Anika Lehmann (Auch bekannt als Sabrina aus Dennis Albrechts „Filmstadt“) und Thorsten Schneider (spielt auch in der Indieserie „The BIG Swutsch“) sowie Rieke Seidensticker und Alexa Benkert in wiederholt auftauchenden Nebenrollen. Für die Produktion war Droschinski extra nach Hamburg gezogen, Avat fuhr jedes Wochenende aus Münster an, obwohl die Macher ihm nur die Hälfte der Fahrtkosten erstatten konnten. Denn selbst arbeiteten sie nebenher nur in Barjobs und in der Gastronomie auf Messen. Wenn sie eine Wochenendschicht übernehmen mussten, konnte das auch mal empfindlich den Dreh verzögern.

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Sitcom mit Couch: Szene mit Nick Buckenauer und Sebastian Droschinski (Original Screenshot Folge 5: „David gegen Goliath“ von vimeo.com)

Nur an einem Hauptmotiv zu drehen, erwies sich zwar als günstig, wurde aber auch anstrengend. Zu den Hauptzeiten waren im Wohnzimmer vier Rollen sowie Regisseur, Kameramann, Tonmann und Aufnahmeleitung zugegen. Plus Lampen und Kamera. Den Zeitaufwand beim Einleuchten hatten Buckenauer und Droschinski zu Anfang hingegen komplett unterschätzt. „Wir haben früher mit Baustrahlern gearbeitet, wenn wir überhaupt extra Licht hatten“, erklärt Droschinski. „Und von einigen Produktionen kannte ich es, da hast du eine Kinoflo hingestellt und das hat dann auch gereicht.“

Hier legten die externen Regisseure und ihre Kameraleute Wert auf eine hochwertige Produktion. Und die beiden Produzenten lernten eigener Aussage nach eine Menge dazu. Nick Buckenauer drückt es scherzhaft so aus: „Das ist auch der Grund warum wir uns überhaupt Produzenten schimpfen dürfen, dass wir die richtigen Leute gefunden haben.“ Ihre Produzentenrolle am Set sahen sie zudem darin, gute Laune zu verbreiten. Wenn es mal „fünf Minuten über die gewerkschaftlich geregelte Arbeitszeit“ hinausging, erwies sich das als sehr wertvoll.

Aua!

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Treppenhaus mit Kameralift: Noch ist alles gut für Sebastian Droschinski (Original Screenshot Folge 5: „David gegen Goliath“ von vimeo.com)

Zudem hatten beide während der Drehzeit mit Verletzungen zu kämpfen. Bei Droschinski geschah diese sogar während einer Szene. Für die Folge 4 „David gegen Goliath“ hatte das Filmteam eine Art Lift gebaut, mit dem die Kamera in den vierten Stock hinauffahren sollte. Geplant war eine Kombination aus Fahrt und Zoom, um den Entscheidungsprozess des im Erdgeschoss stehenden Jacob, gespielt von Droschinski, zu bebildern. Nach dem Take wurde die Kamera wieder zum Darsteller hinab gelassen. „Und auf einmal denke ich: ‚Oh, die lassen die Kamera aber diesmal ganz schnell runter, was ist da los?’“ Leider hatte das Team die Technik nicht ausreichend gesichert, sodass sie nahezu ungebremst auf Droschinski zuflog. Der hatte jedoch für die Szene seinen eigenen Laptop in der anderen Hand, den er verständlicherweise auch nicht einfach von sich werfen wollte. „Also hielt ich soweit es ging den Laptop von meinem Körper weg und streckte den anderen Arm nach oben aus, um die Kamera aufzufangen.“ Es gelang ihm, doch deren Gewicht haute ihm das Gerät kräftig ins Gesicht. Die besorgten Rufe des Teams hatten ausschließlich das Wohlbefinden der Kamera im Sinn.

Die Verletzung Buckenauers stellte das Team vor eine größere Herausforderung. Er hatte sich im Probenraum seiner Band mit einem Nagel das untere, rechte Augenlid aufgerissen uns musste mehrere Wochen eine Augenklappe tragen. Wie sollten sie das in die Serie einbauen? Die Macher erklärten es auf absurde Weise als eine von David’s schrägen Ideen in der Serie: „Das ist meine Antwort auf 3D-Kino!“ Buckenauer erklärt: „Eine der besten Sidestories entstand daraus, dass ich eigentlich ein Idiot bin. Das war ganz schön, dass wir das so kreativ verwurschten konnten.“ Zehn Wochen – inklusive Proben – wurde im Sommer 2013 gedreht. Nach ein paar Nachdrehs ging das Material in Schnitt und Postproduktion, die etwa ein Jahr später, im August 2014 fertig war.

Video on demand

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Seltener Außendreh: Thorsten Schneider und Nassim Avat erhalten letzte Anweisungen (Foto: Nina Wolfert)

Jeder von den beiden steckte rund 2.500 Euro in das Projekt. Hinzu kommen vergünstigte Preise bei Film-Reantals und Beistellungen der Teammitglieder, die ihre Ausrüstung mitbrachten. Und Allein das Catering-Sponsoring von Nicks Mutter, die nicht nur das Hauptmotiv stellte, sondern auch für das Team Essen kochte, geht in den vierstelligen Bereich. Bei soviel investiertem Geld gab es innerhalb des Teams Diskussionen darüber, die neun Teile der Serie auch nur gegen Bezahlung anzubieten. Nick Buckenauer war dagegen: „Als ich anfing, die Serie zu schreiben, hatte ich die klare Idee, das kommt auf Youtube, für Umme.“ Von der Plattform ließ sich der Autor abbringen, vor allem, da seine Kollegen die Befürchtung hatten, dass die Serie beim Marktführer zwischen den Katzenvideos untergeht.

Auch mit dem mittlerweile von Vimeo etablierten On-demand-System konnten die anderen ihn nicht locken. Hier jedoch ergab sich die Möglichkeit eines Kompromisses. Der Vimeo-Bezahlservice bietet zwar für den Hauptinhalt ausschließlich Modelle für Paid Content an, doch das Bonusmaterial darf kostenlos eingestellt werden. Kurzerhand widmeten die Macher die neun Folgen der Serie als Bonusmaterial um und luden ein 12-minütiges Outtakereel als Hauptcontent hoch. Wer die Serie also gesehen hat und deren Macher jetzt unterstützen möchte, kann sich für 5,99 Euro die Outtakes ansehen. Mittlerweile ist die Serie auch auf Youtube hochgeladen, um beide Nutzergruppen zu erreichen.

Die serielle Erzählweise bringt immer eine Frage hervor: Folgt denn eine zweite Staffel? Beide Filmemacher verneinen. „Wir haben auch ein sehr gutes, solides Ende der Staffel gefunden“, so Buckenauer. „Solange wir beide nicht heiß sind auf eine neue Geschichte, kommt da nichts“, ergänzt Droschinski. Genug zu tun haben sie auch so. Aktuell liegt noch ein fertig gedrehtes Dystopie-Projekt auf Eis. Der Dreh war Ende 2013, während des Schnitts jedoch ging die Datei zu Bruch. Da beide eh über einen zweiten Teil dazu nachdachten, gibt es die Überlegung, dieses Sequel zu drehen und daraus einfach einen gemeinsamen Film zu machen. Auch wenn das Projekt ein Kurzfilm ist, bleiben die beiden in Zukunft dem Format der Serie treu. In der Entwicklung sind derzeit zwei Mockumentaries, eine über das Leben als Newcomer in der provinziellen Kleinkunst- und Comedyszene, eine über eine Randsportart, beide mit starkem Comedyeinschlag. Außerdem planen sie Cross-Promotions mit weiteren Webserien, wie „Ivys Weg“. Sämtliche dieser Projekte, so versichern die beiden, haben nichts mehr mit einer Couch zu tun.

Und hier könnt Ihr die erste Folge anschauen:

Kumbaya! Folge 1 – Der Einlauf from Shoreless Pictures on Vimeo.

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