Making KRYO (2): Future Style, Baby!

Der Science-Fiction-Film “KRYO”  entstand im Winter 2014 als Abschluss von Regisseur Christoph Heimer an der Filmakademie Baden-Württemberg. Am Freitag ging es um die Vorproduktion. Im zweiten Teil werfen wir einen Blick auf das futuristische Szenenbild und spüren nach, wie der Stil des Filmes entstand. Am Mittwoch Donnerstag folgt Teil 3 mit Kamera und Licht.

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Die frisch eingerichtete Szenenbild-Werkstatt auf dem Gelände des Komplexlagers 32 in Lohmen (Foto: Filmakademie Baden Württemberg)

Eine Kreuzung in Berlin. Ein paar Autos warten vor der roten Ampel, darunter auch ein Sprinter mit Ludwigsburger Kennzeichen. Plötzlich naht ein LKW. Er macht keinerlei Anstalten seine kinetische Energie nennenswert abzubremsen. Noch bevor die Insassen der beteiligten Fahrzeuge realisieren, was gerade passiert, ist der Laster auf den Sprinter aufgefahren und schiebt die wartenden Fahrzeuge mit dem hässlichen Knirschen zusammengepressten Blechs ineinander. Dann herrscht Stille.

Leider ruft an dieser Stelle niemand „CUT!“ oder „Danke, Aus!“. Auch eilen keine Stunt-Koordinatoren herbei, um ihren Kollegen in den Fahrzeugen beizustehen. Der Unfall ist echt und die Insassen des Sprinters sind Johanna Wagner und Angelina Häußler aus der Szenenbild-Abteilung von „KRYO“. Sie können das Unglück an diesem Tag Ende Oktober 2014 noch weniger gebrauchen, als sonst. Denn sie sind auf dem Weg, ihr Team abzuholen, um am Motiv im sächsischen Lohmen das Setdesign des Ludwigsburger Abschlussfilms auf die Beine zu stellen. Eine Fahrt mit dem Notarzt und einen Check im Krankenhaus später ist zwar klar, dass nichts nennenswert kaputt ist, aber „Halswirbelsäulentrauma“ klingt nicht wie ein super Start in fünf Wochen intensive, handwerkliche Arbeit. Also werden Teammitglieder und Motivgeber vertröstet und ein paar Tage Bettruhe eingehalten. Erst dann geht es weiter von Berlin nach Lohmen, etwa 30 Kilometer hinter Dresden kurz vor der tschechischen Grenze.

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Gruppenbild mit Multicars: Das Szenenbild-Department, in mehrfacher Hinsicht die Pioniere des „KRYO“-Teams (Foto: Filmakademie Baden Württemberg)

Bunker mit Bikern

Dort liegt das ehemalige Komplexlager 32 der NVA bestehend aus drei Bunkeranlagen, zwei davon versiegelt, eine seit 2007 in privater Hand. Gekauft durch den Lohmener Biker-Verein, vor Ort vertreten durch deren Chef Werner Demand. Der war kein gewöhnlicher Motivgeber. Das Vertrauen der Biker erwarb sich das Kernteam nicht durch einen ausgeklügelten Motivvertrag, sondern bei einem gemeinsamen Rum-Cola-Besäufnis. Eine – für das niedrige Budget – empfindlich hohe Motivgebühr wollten sie trotzdem haben. Gut angelegtes Geld, wie sich später herausstellte. Das Gelände beherbergt mehrere Gebäude, darunter das Clubhaus der Biker und die frühere Kaserne mit Schlafplätzen. „Anfangs ging erstmal viel Zeit verloren, um uns eine Infrastruktur zu schaffen“, erinnert sich Johanna Wagner. Sie richteten sich in einem Gebäude auf dem Gelände eine Tischlerei, eine Requisiten-Werkstatt sowie ein Lager ein und entrümpelten den Bunker.

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Die Krankenstation („Medbay“) des Kryonikkomplexes in verschiedenen Phasen. Oben im Bau befindlich, in der Mitte fertig ausgestattet und beleuchtet und unten beim Dreh mit dem Kryosarg. (Fotos: Filmakademie Baden Württemberg)

Dann begann die Arbeit. Wagners Herausforderung war kurz zusammengefasst: Mit wenig Geld eine überzeugende futuristische Umgebung erzählen. Viel Inspiration von echten Kryonikinstituten hatte sie nicht. „Die sehen alle ziemlich öde aus“, sagt Wagner. „Alles liegt in großen Stahlcontainern, alle Gebäude über der Erde.“ Das Team aber wollte einen Gruselfaktor reinbringen. „Wir musste dem Zuschauer jederzeit vor Augen führen, dass das der Horror ist mit dem Einfrieren. Unser Set sollte sich anfühlen wie ‚Lebendig begraben!'“ Dafür war der Bunker mit den langen Gängen und viel vorhandenen Technikresten, wie Rohrleitungen oder kaputten Schaltkästen, ideal. Für das Szenenbild galt, keine cleane Raumschiffatmosphäre zu schaffen, sondern Technik und Natur stets in Kontrast zu setzen. Dazu waren die groben Felswände des in den Berg gebauten Bunkers perfekt. Als Motiv war der Ort aber auch eine Herausforderung. Ob Sommer oder Winter, es herrschen konstant 9 Grad Celsius darin. Die Belüftungsanlage ist zudem seit Jahren außer Betrieb. Das heißt, die Luft ist feucht und nach ein paar Tagen liefen alle Teammitglieder mit Husten durch die Hallen.

Ressourcen vor Ort

Einige der Szenenbild-Designs waren klar und exakt vordefiniert. Das ging im Falle des von Markus Lavanda designten Kryosarges im Herzen der Krankenstation soweit, dass Wagner diesen von einer externen Baubühnenfirma, der Croft Company, herstellen ließ. „Der war so komplex, dass er einem eigenen Set entsprach“, erklärt die Szenenbildnerin. Auch die Orgel in der Kapelle sowie das Bett stammten von den Requisitenspezialisten. Andere Requisiten und Sets entstanden vor Ort nach dem groben Schema, dass die Szenenbildner vor Ort weiter entwickelten und schließlich „Future Style“ tauften. Hier zeigte sich dass die Motivgebühr sehr gut angelegt war. Johanna Wagner hatte geplant, die Schrottplätze in der Gegend nach brauchbarem Material abzugrasen. Vor Ort konnte das Team jedoch schon eine Menge Material nutzen und bekam vor allem tatkräftige Unterstützung durch die Biker.

So fanden sich vom Elbhochwasser geschädigte, alte Möbel, die aufs Verfeuern warteten, im Schrottcontainer des Motivgebers durften Wagner und Konsorten sich bedienen und zusätzlich gab ihnen einer der Biker einen Schweißkurs. Außerdem konnten sie auf dem Gelände befindliche Multicars zum Transport der Requisiten und Setteile in den Bunker nutzen. So wurden die Designs in der Werkstatt vorbereitet und dann erst in das feuchte, unwirtlichen Motiv gefahren. „Das war ein Riesenglücksfall, dass wir die Jungs auf unserer Seite hatten“, ist sich Wagner sicher.

Prüfsiegel: „Future Style“

Es entstanden futuristische Möbelstücke aus antiken Kommoden, die mit Metallteilen aus dem Schrott kombiniert wurden. „Wir wollten eine Zukunft erzählen, die aus heutiger Sicht schon veraltet ist. Die gesamte Technik sollte starke Abnutzungsspuren haben“, so Wagner. Das diente auch als Metapher für die Vergänglichkeit, eines der Themen des Films. Es durften nur eckige Formen verbaut werden, Kanten wurden abgeschrägt, viel Metall wurde genutzt oder zumindest gefaket. Schnell hatten alle helfenden Hände die Regeln verinnerlicht und schufen ständig Neues im „Future Style“. So wurde aus einem alten Solariumsdeckel die Transformationsröhre der Kryoanlage und aus einem alten Spielautomaten ein Nahrungsgenerator.

Die Abstimmung über das neu Geschaffene mit Regisseur Heimer und Kameramann Gomoll erwies sich, wie so viele Dinge in Lohmen, als Herausforderung. Auf dem Gelände gab es keine Internetverbindung. Also hatte die Produktionsabteilung einen Deal mit einem Hotel in der nächsten Stadt ausgehandelt. Dort rauschten Wagner und ihre Assistentin Angelina Häußler nach verrichtetem Tagwerk hin und besprachen sich mit den Kollegen in Ludwigsburg über eine lähmend langsame Internetverbindung. Aber auch das funktionierte irgendwie.

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Vor Ort vorhandene Strukturen, wie hier Rohrleitungen und Sicherheitstore, wurden nahtlos in das alt wirkende Zukunftsdesign eingebunden. (Foto: Filmakademie Baden Württemberg)

Echter Bunker, falsches Set, virtuelle Extensions

Vieles, was im Bunker bereits vorhanden war, wie das Außentor, wurden in das Set-Design eingebaut und umgestaltet. Es wurde darauf geachtet, Mechaniken sichtbar zu machen und viel des Charmes der Bunkeranlage selbst zu nutzen. An einigen Stellen setzten die Szenenbildner, präzise in die bestehenden Gänge eingepasst, ihre eigenen, futuristischen Türen ein, inklusive Touchscreen zur Eingabe des Öffnungscodes. Hier hatte sich das Team schon früh entschieden nicht auf VFX zu setzen, sondern in das Set funktionierende Tablet-Computer einzubinden. Jeder Raum hatte ein Farbkonzept und klare Anforderungen für Funktionalitäten, die vorhanden sein müssen. Dazu gehörten auch Vorgaben für spätere VFX.

„Die Kapelle wurde nur drei Meter hoch gebaut“, schildert Johanna Wagner. „Angedacht war, später ein Kirchenschiff als CGI einzufügen. Ich musste mir klar darüber werden, wie ich den Übergang zwischen real gebautem Set und der digitalen Erweiterung mache.“ Das war schon in Ludwigsburg gemeinsam mit Frederik Gomoll am 3D-Programm vorbereitet worden. Der jedoch hatte auch noch einen besonderen Wunsch gehabt, den Wagner und ihr Team jetzt umsetzen mussten. Bei der ersten Setbesichtigung war Gomoll etwas aufgefallen: „Ich kam das erste Mal in den Bunker rein und alle waren baff: ‚Voll geil, sieht fett aus!‘ Und ich dachte nur: ‚Oh Gott, weiße Wände!'“ Für die Beleuchtung eine mittlere Katastrophe, da einfach alles hell wirkt und nicht spannend.

Das Kapellenset von hinten, knapp drei Meter hoch. Das Kirchenschiff krönt später am Computer den Raum.

Das Kapellenset von hinten, knapp drei Meter hoch. Das Kirchenschiff krönt erst später am Computer den Raum. (Foto: Filmakademie Baden Württemberg)

Für alle Räume fand Gomoll einen Weg, das zum Funktionieren zu bringen. Nur für die Krankenstation nicht. Hier musste der gesamte Raum dunkel gestrichen werden. Dem groben Fels konnte man nicht mit Pinseln zu Leibe rücken. Um die Aktion also zeitsparend zu erledigen, hatten sich die Szenenbildner ein großes Farbsprühgerät zugelegt. „Das war die größte Sauerei“, erinnert sich Wagner und erklärt, warum: „In dem Bunker herrscht kein Luftaustausch. Also mussten wir uns komplett maskieren mit Brillen und allem drum und dran.“ Die hohe Feuchtigkeit im Bunker und der mangelnde Luftaustausch gaben auch Anlass zur Sorge. Werner Demand hatte Wagner zu Beginn eröffnet, nach zwei Wochen würden ihre Sets zu schimmeln anfangen. Die Angst erwies sich glücklicherweise als unbegründet.

Der Dreh rückt näher

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Zweimal quer durch die Republik: Der LKW mit Kamera- und Lichttechnik beim Aufbruch in Ludwigsburg (Foto: Filmakademie Baden Württemberg)

Mittlerweile waren fünf Wochen vergangen. Johanna Wagner und ihr Team waren gut vorangekommen und hatten sich vor Ort eingelebt. Doch auf ihre Abteilung wartete eine weitere Herausforderung. Eine Woche vor Drehbeginn bekamen sie Gesellschaft. Die Kameracrew um Frederik Gomoll rückte an. Mit einem extra dafür gemieteten 40-Tonner, der Kamera-Ausrüstung, Licht und Grip aus der Ludwigsburger Hochschule sowie vom SWR nach Lohmen brachte. Im Gepäck waren auch reichlich Licht und Monitore, die für den Einbau in bestehende Sets eingeplant waren. Bei einigen Ausrüstungselementen stand jedoch erst kurz vorher fest, dass sie dabei sein würden. Demnach waren auch die Maße unbekannt. Bei manchen der vorbereiteten Sets musste daher nochmal Hand angelegt werden, um das Tablet oder den Leuchtkasten in das Design einzupassen.

Auch das Kameradepartment mit den Beleuchtern musste erstmal für Infrastruktur sorgen. So verlegten sie zunächst zwei Tage lang Stromkabel. Dann folgte eine Woche Installation der gesamten Lichttechnik in die teilweise schon stehenden, teilweise dafür parallel in enger Absprache unter den Teams entstehenden Sets. „In dieser Woche vor dem Dreh wurde noch so unglaublich viel gerockt“, sagt Johanna Wagner. Beim Strom zeichnete sich etwas ab, was später noch zum Problem werden würde. Alles lief über einen 32-Ampere-Anschluss. Küche, Wohnhäuser, Werkstätten, aber auch das gesamte Licht am Set im Bunker. Noch brannte das Licht, noch lief die Stichsäge. Denn der Dreh hatte noch nicht begonnen.

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