Wie lernt man Film, Herr Dunker?

An ihm kommt kein Filmstudent vorbei. Kameramann Achim Dunker ist Buchautor und lehrt an zahlreichen Filmstudiengängen. Aktuell ist sein Online-Portal „Netlektionen“ noch ein Geheimtipp. Dort bietet er kompakte Vorlesungen zu Licht, Kamera und Filmgeschichte. Ich sprach mit ihm über seinen Lehransatz.

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Foto: Jan-Christoph Daniel

Bücher übers praktische Filmemachen haben oft einen von zwei großen Nachteilen. Entweder sie vernachlässigen die Theorie oder sie vernachlässigen die Praxis. Eine Balance aus beidem, die inspiriert und den Lernenden selbst zum Mittelpunkt macht, gibt es selten. Achim Dunker hat dieses Kunststück mit zwei Büchern geschafft. „Die chinesische Sonne scheint immer von unten“ über Licht- und Schattengestaltung sowie „Eins zu Hundert“ über Kameragestaltung gehören deshalb seit Jahren zu den ersten Werken, die einem Filmanfänger zum Selbststudium in die Hand gedrückt werden. Seit 2011 bringt Dunker sein Wissen auch online an Frau und Mann. In dem Portal Netlektionen bietet er zahlreiche Seminare aus den Bereichen Licht, Kamera und Film- sowie Genrehistorie, die aufeinander aufbauen.

Das klingt ein bisschen nach einer Online-Filmhochschule. Dunker winkt ab. So möchte er sein Projekt keineswegs verstanden wissen. Er selbst nahm keinen klassischen Weg über die Filmhochschule. In den 1970er Jahren machte er zunächst eine Ausbildung zum Elektromechaniker und arbeitete in dem Beruf. Bei einem Auslandsaufenthalt in Paris beschloss er, fortan etwas Gestalterisches zu machen. Zurück in Deutschland sah er sich nach künstlerischen Studiengängen um, bei denen ihm aber die willkürlich scheinende Eignungsprüfung per Mappe nicht zusagte. So entschied er sich für ein Studium zum Fotoingenieur. „Schon innerhalb meiner ersten Woche kam ich mit dem Filmemachen in Kontakt. Das hat mich mehr fasziniert, als das Fotografieren, so bin ich dann beim Film gelandet“, erinnert sich Dunker. Nach dem Studium gründete Dunker eine Produktionsfirma und gab schon früh in der aufkommenden Videoszene der 1980er Seminare unter anderem für Sony.

Der Anstoß zu den Netlektionen enstand aus Dunkers Lehrtätigkeit: „Durch meine Seminare merkte ich, dass vielen einfach der theoretische Hintergrund fehlt. Die Leute wollen immer eine schnelle, praktikable Lösung für die Lichtgestaltung haben.“ Der Kameramann legt Wert darauf, eine Grundlage zu vermitteln, auf der man agieren, ja, sogar improvisieren kann. Dazu gehört, zu wissen, was man will. Dunker erläutert das: „Wenn die Frage kommt: ‚Was ist gut?‘ muss ich zurückfragen ‚Wie soll es denn aussehen?'“ Es gibt kein Patentrezept. Dunker will dazu anregen, sich die Lösung zu erarbeiten. Das macht er unter anderem über die Vermittlung von Filmgeschichte oder über das Lernen von großen Vorbildern.

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Die Lehreinheiten sind meist kurze, einstündige Module, die live in den Abendstunden, oft ab 20 Uhr stattfinden. So ist ein Lernen neben dem Job möglich. Dem Dozenten ist besonders wichtig, dass es hier keine Zugangsbeschränkungen gibt. „Das hat mich damals immer abgeschreckt, als ich etwas lernen wollte“, sagt Achim Dunker. „Man wurde erstmal gefragt: Was kannst Du denn? Bist Du auch gut genug?“ Auch eine teure Semesterbuchung, wie an vielen Privathochschulen, gibt es bei ihm nicht. Jedes seiner Module kostet im Einzelpreis 25 Euro. Auch eine Komplettbuchung ist möglich. Alle 66 zusammenhängenden Filmvorlesungen lassen sich für 1149 Euro erwerben. Die Interessenten können sich auf der Homepage von Netlektionen registrieren und bekommen dann ihre Zugangsdaten zum Live-Webinar inklusive URL.

Die Live-Schaltung läuft bei Dunker über Adobe Connect. Eine halbe Stunde vor Beginn des Seminars ist der Anmeldebereich freigeschaltet, pünktlich zur angegebenen Uhrzeit geht es los. Die Seminare sind eher als Frontalunterricht gestaltet, mit eingestreuten Filmbeispielen und Powerpoint-Slides mit Informationen. Über den Chat können Fragen gestellt werden. Auch Tests sind vorgesehen und können über anklickbare Formulare durchgeführt werden. Für zahlende Teilnehmer, die das Modul verpasst haben, steht hinterher eine Aufzeichnung zur Verfügung. Dunker berichtet, dass es immer wieder Leute gibt, die das dauerhaft nutzen und gar nicht live zuschalten. Wer mal sehen will, wie das aussieht, kann sich eine kurze Demonstration dazu zum Thema „Film noir“ ansehen. Seit der Gründung 2011 haben rund 1500 „Studenten“ an seinen Online-Veranstaltungen teilgenommen. Zu den regulären Webmodulen kommen außerhalb der Reihe Seminare vor Ort. Diese haben stets sehr praktischen Charakter.

Dunker sieht es als großen Vorteil, dass er in der  Ausrichtung der Lehre völlig frei ist. Die Zahl seiner angebotenen Module beläuft sich auf rund 80 Lehreinheiten, die er trotz Frontalunterricht auf das praktische Filmemachen ausgerichtet hat. Damit trifft er einen Nerv bei seinen Teilnehmern. „Was mich gewundert hat: Ein Großteil der Teilnehmer hat schon ein abgeschlossenes Studium hinter sich, oft an Filmschulen“, erläutert Dunker. Viele nutzen sein Angebot zur Vertiefung eines Themas, was ihnen im Studium zu kurz gekommen ist. Auch abgelehnte Filmschulbewerber bilden sich bei ihm vor dem nächsten Versuch weiter. Andere sind Quereinsteiger, wie Fotografen, die mit ihrer Ausrüstung jNET_AC_Noir_Beispiel_1000pxetzt ins filmische Fach starten. Dieses Klientel erfahrener Teilnehmer weiß mit bestimmten Tipps auch viel mehr anzufangen: „Oft ist es so, wenn ich mit jungen Studenten spreche, präsentiere ich die Lösungen für Probleme, welche die noch gar nicht hatten.“

Aber ist hier nicht auch wieder das Problem, für eine eh schon überlaufene Branche auszubilden? „Der Markt und die Anwendungsmöglichkeiten haben sich extrem verbreitert“, sagt Dunker. „Früher wurde der klassische Imagefilm für eine Aktiengesellschaft zur Hauptversammlung gemacht. Heute ist ein Imagefilm auch für den Blumenladen an der Ecke sinnvoll. Da hätte man früher nicht dran gedacht!“ Die typische Campus-Zusammenarbeit von einer Filmhochschule fehlt. Dessen ist sich auch Dunker bewusst. Jedoch spürt er eine Tendenz der Teilnehmer, sich online zu vernetzen und auch über die Vorlesungen hinaus Kontakt zu halten. Er selbst tut das auch und berät die Teilnehmer teilweise noch bei späteren Karriereschritten.

Das ist besonders bemerkenswert, da die Teilnehmer aus allen Ecken Deutschlands, ja, Europas kommen. „Von Hamburg bis Sofia in Bulgarien ist alles dabei“, freut sich der Kameramann. In Zukunft wird es noch mehr Webinare zum Thema Produktion geben. Zusätzlich strebt Dunker an, das Angebot auch auf Englisch anzubieten.

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