Making KRYO (1): Der Weg in den Bunker

Das Genre Science-Fiction ist fordernd. Nirgendwo anders müssen Regie, Kamera und Szenenbild so stark Hand in Hand arbeiten, wie hier. Das wusste auch das kreative Team von „KRYO“ um Regisseur Christoph Heimer. Ich sprach mit der Crew des Films von der Filmakademie Baden-Württemberg über dessen außergewöhnliche Entstehung. In drei Teilen werde ich Euch Bericht erstatten, heute geht es um die Vorproduktion, Montag um das Szenenbild und am Mittwoch Donnerstag um Dreharbeiten und Licht.

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Am Set tief im Bunker: Kameramann Frederik Gomoll bringt die Arri Alexa in Position (Foto: Filmakademie Baden-Württemberg)

Bis das Alien in der berühmten Frühstücksszene des gleichnamigen Filmklassikers das Interieur der Raumschiffküche mit John Hurts Innereien vollsauen darf, ist eine Menge geschehen. Es gab reichlich Besprechungen über den Look der Zukunft, wie das Raumschiff-Innere aussehen soll, es wurden Moods erstellt, ein Set wurde designt, wieder besprochen, korrigiert und schließlich gebaut sowie zuletzt vor allem beleuchtet. Denn Science-Fiction muss glaubwürdig aussehen und überzeugend sein. Das funktioniert nur sehr bedingt in der Küche einer Drei-Zimmer-Altbau-Wohnung. (Dass es doch geht, bewiesen drei dffb-Studenten mit Ijon Tichy: Raumpilot.) Im Falle von „Alien“ hatte Regisseur Ridley Scott dafür immerhin etwa 11 Millionen (heute etwa 35 Millionen) US-Dollar an Budget zur Verfügung.

Diesen Luxus hatte Christoph Heimer nicht. Wenn man heute um die Entstehung von seinem Abschlussfilm „KRYO“ weiß, möchte man fast sagen: Gott sei Dank! Denn auch hier gilt, dass die Beschränkung alle Beteiligten zu noch mehr Kreativität animierte. Heimer studierte seit 2007 an der Filmakademie Baden-Württemberg Regie. Als es 2013 auf das Abschlussprojekt zuging, spielte er mit mehreren Ideen. Eine davon beschäftigte sich zwar schon mit Kryonik, der Technik Menschen nach ihrem Tode einzufrieren, doch eine Geschichte dazu hatte er noch nicht. Am Anfang stand damit ungewöhnlicherweise nicht der Filmstoff, sondern das erste Crewmitglied.

Bitte kein Drama!

Zum gleichen Zeitpunkt hatte die Szenenbild-Studentin Johanna Wagner 475 Kilometer entfernt im schönen Potsdam ein Problem. Sie ging mit großen Schritten auf ihren Bachelorabschluss an der Filmuniversität Konrad Wolf zu. Doch es fehlte ein spannender Abschlussfilm. Die Projekte ihrer Kommilitonen hatten nicht das, was sie sich vorstellte. Wagner wollte partout nicht schon wieder ein Drama ausstatten. Sie suchte nach einer Herausforderung fürs Szenenbild. Mittlerweile orientierte sich Wagner schon in Richtung anderer Hochschulen, darunter auch die Filmakademie Baden-Württemberg, da diese dafür bekannt ist, häufiger als andere Hochschulen Genrestoffe zu verfilmen. Doch bisher war die Suche vergeblich gewesen.

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Johanna Wagner vor der Planungswand der Szenenbild-Abteilung (Foto: Filmakademie Baden Württemberg)

Angefangen hatte Wagners Berufsweg im Malsaal der Deutschen Oper in Berlin, wo sie sich auf ein Studium der Theatermalerei in Dresden vorbereitete. Als Plan B bewarb sie sich parallel für Innenarchitektur in Halle, was sie dann vier Jahre lang studierte, um sich im Auslandssemester in Istanbul schließlich für den Studiengang Szenenbild an der Filmuni Potsdam zu bewerben. Heimer hatte einen vergleichsweise geraden Weg hinter sich. Seine Faszination für Film wurde von „Titanic“ geweckt. Denn weil er zu jung war, um den Film im Kino anzusehen, sammelte er alle Making-Of-Schnipsel, die er in die Finger bekam. Als ein Jahr später „The Phantom Menace“ die erste Welle der selbst gemachten Star-Wars-VFX-Clips lostrat, erwischte es auch ihn. Er engagierte sich schließlich in einem Wuppertaler Medienprojekt, unter dessen Dach auch der schräge Zahnarztangstfilm „Dentophobia“ entstand, mit dem er an der Filmakademie Baden-Württemberg angenommen wurde.

Wagner und Heimer lernten sich Ende 2013 in Berlin über eine gemeinsame Bekannte kennen. Beide merkten schnell, dass sie filmisch in die Genrerichtung wollten. Am liebsten Science-Fiction. Moment, dachte sich der Regisseur, da habe ich doch noch was. Heimer fuhr zurück nach Ludwigsburg und spann innerhalb der folgenden zwei Wochen eine emotionale Geschichte um seine Kryonikidee. Ihn faszinierte die Idee, was Menschen dazu bringen könnte, sich einfrieren zu lassen. „Ich habe mich gefragt: Was wäre, wenn das tatsächlich funktioniert, aber du wachst auf, vom Rest der Menschheit gibt es nichts mehr und du bist der einzige Überlebende.“ Damit hatten beide ein Abschlussprojekt.

Das Team wächst

Heimer suchte zunächst nach einem Drehbuchautoren von der Schule in Ludwigsburg. Als er dort nicht fündig wurde, wendete er sich an die Facebook-Gruppe „Neuer Deutscher Genrefilm“. Hier fand er den Autoren Arend Remmers, der parallel zur weiteren Vorproduktion mit Heimer am Buch schrieb. Schließlich stand die grobe Story um David, der seine todkranke Frau Evelyn und sich in Kryosärgen einfrieren lässt, um vielleicht irgendwann ihre Krankheit heilen zu können. Jahrhunderte später wachen sie in einem unterirdischen Labor auf und müssen erkennen, dass man manchen Dingen nicht davonlaufen kann.

Frederik Gomoll am Set des Erholungsraums

Frederik Gomoll am Set des Erholungsraums (Foto: Filmakademie Baden-Württemberg)

Für den Herbst war der Dreh bereits geplant, also galt es, keine Zeit zu verlieren. Weitere Teammitglieder stießen dazu, wie die Producer Eric Bouley, Christian Schega und Christopher Sassenrath. Sassenrath war gerade im zweiten Jahr und hatte im Februar auf der Pitchingveranstaltung seiner Hochschule erstmals von „KRYO“ gehört. Er war vom Projekt begeistert und ergänzte ab dem Sommer Bouley und Schega. „Bei dem Produktionsaufwand war Manpower gefragt“, so Sassenrath. Zudem fand Heimer in Frederik Gomoll den passenden Kameramann für „KRYO“. Beide wollten schon seit dem Beginn ihres Studiums mal zusammenarbeiten. Dann wurde Heimer auf den letzten Film Gomolls aufmerksam, ein Science-Fiction-Projekt namens „Dystopia“. Laut Gomoll war das nicht das Einzige, was passte: „Lustigerweise hatte ich kurz vorher einen Dokumentarfilm über Kryonik gedreht. Wir waren in Hongkong und Moskau und haben solche Institute besucht.“

Damit stand im Sommer 2014 das Herzteam. Während das Drehbuch reifte, setzten sich Heimer, Wagner und Gomoll zusammen und entwickelten das visuelle Konzept. Recherche stand auf dem Plan, vor allem das Filmegucken. „Besonders spannend war für uns ‚Alien‘„, erinnert sich Frederik Gomoll. „Wir haben uns genau angesehen, wie die diese Welt erschaffen und wie sie dann darin Spannung erzeugen, durch Lichtsetzung und Kamerabewegnung.“ Der Start des Vorhabens durch Regisseur und Szenenbildnerin war ideal. „Ich war noch nie so intensiv bei einem Drehbuch mit dabei“, sagt Johanna Wagner. „Ich habe das ja in der Entstehung über ein Jahr mit begleitet.“ Während der Vorbereitungsphase war das vor allem ein guter Abgleich mit der Budgetrealität, weil die Szenenbildnerin sofort ein Feedback über die Machbarkeit gab.

Höhle, Gletscher oder Bunker?

In den Fels gebaut: Der Eingang zum Lohmener Bunker (Foto: Filmakademie Baden-Württemberg)

In den Fels gebaut: Der Eingang zum Lohmener Bunker (Foto: Filmakademie Baden-Württemberg)

Zu Beginn stand die Entscheidung, ob sie ein Motiv suchen wollten oder im Studio drehen würden. Kameramann Gomoll war glühender Verfechter der Studiolösung: „Mit ‚Dystopia‘ hatte ich die Erfahrung gemacht, dass man extreme Ressourcen braucht, um Science-Fiction zu drehen.“ Das gilt einerseits für das Szenenbild, Materialien und Werkzeuge, aber auch für Licht- und Kameraausrüstung. Hier war es Wagner, die sich dafür einsetzte, in einer echten Location zu drehen. „Für mich war wichtig, die Natur im Kontrast zu der Technik zu sehen“, so die Szenenbildnerin. „Im Studio hat man diese selbst gebauten Welten, aber der Kontrast fehlt – und damit die Authentizität.“

Der Entwurf sah unterirdische Welten vor, also spielte das Team verschiedene Ideen durch. Höhlen waren im Gespräch, ein Salzbergwerk, sogar ein echter Gletscher – der schnell verworfen wurde. Schließlich einigte man sich auf einen Bunker. Einige sah sich das Team an, keiner wurde den hohen Ansprüchen an Logistik und Design gerecht. Wagner kontaktierte schließlich Martin Kaule, den Autoren des Buches „Faszination Bunker“. Kaule empfahl eine still gelegte Anlage im sächsischen Lohmen. „Ich war am Ende sehr glücklich, dass wir uns gegen das Studio entschieden haben“, sagt Kameramann Gomoll. „Durch den Bunker haben wir eine gewaltige visuelle Kraft erzeugen können.“

Die hohe Entfernung jedoch barg auch Probleme. So konnte man nicht mal eben ein paar hundert Kilometer rüber fahren, um sich nochmal umzusehen. Bei der ersten Setbegehung maß das Team den Bunker deshalb gleich komplett aus. Gomoll baute daraufhin im 3D-Previz-Programm „FrameForge“ jeden einzelnen Raum in 3D nach. Das erfüllte zwei Zwecke. Zum einen diente es Johanna Wagner als Grundlage, um Maße und Wirkung ihres Set-Designs im virtuellen Raum ausprobieren zu können. Zum anderen diente es Gomoll und Heimer zur Planung ihrer Auflösung der Filmszenen.

Harmonie und Konflikt

Was noch fehlte, waren die Schauspieler. Für das Casting konnte das Team Manolya Mutlu gewinnen. Zwei Hauptrollen gab es zu besetzen. Heimer lud mehrere Schauspieler ein. „Wir haben immer Pärchen miteinander getestet und die Kombinationen durcheinander gewürfelt, bis wir alle einmal hatten“, erläutert Heimer. Als Szene wählte er die erste Begegnung der beiden Rollen David und Evelyn im Buch. Jana Klinge und Beat Marti harmonierten schließlich am besten. „Bei ihr war es wichtig, dass sie die Ruhe ausstrahlt und man ihr abnimmt, dass sie ihren Frieden gefunden hat“, sagte Regisseur Heimer. „Er sollte diese Verzweiflung im Blick haben, dass er unbedingt am Leben seiner Frau festhalten will und dafür bereit ist, sich auch über ihren Willen hinwegzusetzen.“

Szenenbesprechung unter der Erde: Beat Marti als David, Regisseur Christoph Heimer und Jana Klinge als Evelyn.

Szenenbesprechung unter der Erde: Beat Marti als David, Regisseur Christoph Heimer und Jana Klinge als Evelyn. (Foto: Filmakademie Baden-Württemberg)

Doch die aufwändige Vorbereitung zog sich, das Budget war noch gefährlich niedrig und knapp zwei Monate vor dem angesetzten Drehtermin war das Buch noch nicht fertig. Wird das Budget überschritten, haften alle Hauptverantwortlichen für das Geld. Also gab es Ende September 2014 eine Krisensitzung. Die drei Producer machten dem Kreativteam um Heimer ihre Befürchtungen deutlich. Es mussten Ergebnisse her, oder das Projekt stünde in Gefahr. Auch, wenn das nicht ohne zerschlagenes Porzellan ablief, ging jetzt ein Ruck durch das Projekt. Die sechs rauften sich zusammen und auch budgettechnisch gab es Positives zu vermelden. Der Südwestrundfunk (SWR) sagte eine Koproduktion zu, durch dessen Zusammenarbeit mit arte war auch der Partnersender mit dabei. Diese Option stand der Crew erst kurz vorher wieder offen. Bis dato war geplant gewesen, den Film auf Englisch zu drehen, um ein internationales Publikum zu erreichen. Schließlich stand das Drehbuch rechtzeitig und alle waren auf den bevorstehenden Dreh konzentriert.

Wagner, Heimer und Gomoll hatten eine 60-seitige Stilbibel erstellt, in der alle abstrakten und konkreten Designentscheidungen für die zu erschaffende Zukunftswelt festgehalten waren. Concept Artist Markus Lovadina hatte zahlreiche Konzept-Zeichnungen dazu beigetragen. Mit diesem Buch im Gepäck brachen am 22. Oktober 2014 Szenenbildnerin Johanna Wagner und ihre Assistentin Angelina Häußler von Ludwigsburg auf. Ihr Sprinter war bis zum Rand gefüllt mit Requisiten, Maschinen und Werkzeugen. Ihr Weg führte sie über Berlin nach Lohmen, wo sie mit dem Szenenbildteam fünf Wochen Zeit zur Erstellung der geplanten Sets hatten. Sie sollten aber nicht so schnell ankommen, wie sie es sich erhofft hatten.

  • Im zweiten Teil: Wie entwickelte das Szenenbildteam vor Ort den Stil des Films weiter? Warum war der Bunker Fluch und Segen? Und welche höheren Mächte führten kurzzeitig sogar zum Drehabbruch? Montag geht es mit reichlich Fotos vom Set weiter!

Kryo Teaser from Christoph Heimer on Vimeo.

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