Sieben Kameras für Beethoven

Beethoven hören in Full-HD. Was? Völlig richtig! Seit 2008 überträgt die Digital Concert Hall der Berliner Philharmonie Konzerte über das Internet in die ganze Welt. Kameraoperator Volker Striemer gibt uns einen Einblick an seinen Arbeitsplatz.

Die Bildmischung - Digital Concert HallEs wird still im großen Saal der Berliner Philharmonie. Das Klassikpublikum ist zahlreich und in festlicher Abendgarderobe erschienen. Soeben ist der Dirigent des heutigen Abends, niemand Geringeres als Sir Simon Rattle, nach Begrüßung des Konzertmeisters auf das Podium gestiegen, hat sich kurz vor den dezent applaudierenden Gästen verneigt und sich dann dem Orchester zugewendet. Jetzt ist es sehr leise. Fern im Rang hört man jemanden husten. Dann erhebt Rattle den Dirigentenstab, die Streicher um ihn herum heben Instrumente und Bögen. Und schon erhaschen die rund 2000 Zuschauer im Saal die ersten Töne des ersten Satzes der berühmten 9. Symphonie von Ludwig van Beethoven.

Doch nicht nur die Anwesenden kommen heute Abend in den Genuss des Meisterwerks. Auf der ganzen Welt folgen hunderte Zuschauer den vier Sätzen der Symphonie über das Internet. Und das nicht nur Hörend, sondern vor allem visuell ganz nah dran. Dafür verantwortlich sind Volker Striemer und sein Team. Der Kameramann gestaltet seit 2008 für die Berlin Phil Media GmbH die Bildübertragung von Konzerten. Damals startete die Philharmonie die Digital Concert Hall, die seitdem Konzertaufführungen von Berlin aus über das Internet in die ganze Welt bringt.

Sieben Kameras im Saal

Im Saal befinden sich an strategischen Punkten sieben Sony HDC-P1 Kameramodelle auf Vinten Radamec FHR-35 Lightweight Remoteheads montiert. Die drei 2/3-Zoll CCD-Sensoren in den Kameras liefern ein Full-HD-Signal, dass live von Bildmischer und Regisseur verarbeitet wird. Auf den Kamerabodys sitzen durch die Bank Canon-Optiken, auf fünfen das HJ22ex7.6B IASE-A mit einer Brennweite von 7,6 mm bis 167 mm, auf einer das HJ18ex28B IASE-A mit einer Range von 18 mm bis 500 mm sowie eine mit dem 40-fach Objektiv HJ40x10B IASD-V, um auch auf Violinen tanzende Finger bildfüllend heran holen zu können.

Striemer sitzt mit seinen Kollegen in einem dunklen Kabuff hoch über dem Orchester. In enger Zusammenarbeit mit dem Bildregisseur und zwei Regie-Assistenten sowie einem Bildtechniker gestaltet er live das Bild. Während der Übertragung raunen sich die Kollegen kryptische Abkürzungen zu. Schnell wird klar, hierbei handelt es sich um Codes für die Anwahl der Kameras. Das geht blitzschnell. Regisseur Andreas Morell sitzt direkt vor dem großen Hauptbildschirm. Er schaltet live auf die nächste Einstellung um, die ihm vom ersten Regie-Assistenten Thomas Vogel angesagt wird, der die Partitur liest. Links von Morell sitzt die zweite Regie-Assistentin Hannah Dorn, die Morell immer ein paar Sekunden voraus ist.

Denn sie raunt Volker Striemer die nächste Kameraeinstellung zu. Dieser fährt dann die besagte Kamera per Fernsteuerung auf Position. Das muss rechtzeitig erledigt sein, bevor Morell auf diese Kamera umschaltet. Manuell ist das nicht machbar, die Einstellungen sind vorprogrammiert. Striemer wählt diese über einen Touchscreen an. Auf dem liegt eine Matrix, alphanumerisch organisiert. In jedem der Felder kann eine Kameraeinstellung gespeichert werden. Diese wird mit einem Vorschaubild angezeigt. Striemer erklärt: „Wir haben ein Koordinatensystem, in dem wir Ziffern mit Buchstaben kombinieren: A, B, C, D und so weiter. Dann eine Ziffer dazu bis 99.“ Diese bezeichnet eine vor jedem Konzert individuell programmierte Kameraeinstellungen, je nach Besetzung des Orchesters. Auf der „1“ liegen meist die ersten Instrumente, also die Stimmführer, auf der „2“ dann eine Zweier-Aufnahme, 3 eine Dreier. „Charlie 3 sind drei Personen in der Regel. So merkt man schnell, wenn was schief läuft.“

Fliegeralphabet als Geheimsprache

Die Beteiligten haben sich zur Ansage dieser Codes auf das internationale Fliegeralphabet als Buchstabierhilfe geeinigt. A1 wird so zu „Alpha 1“, K7 zu „Kilo 7“. Diese Geheimsprache gilt vor allem für die zweite Regie-Assistentin und den Kameraoperator. Striemer erklärt, warum: „Es gab zuviele Missverständnisse mit dem deutschen Alphabet.“ Die Anwahl der nächsten Kameraeinstellung muss in Sekundenbruchteilen geschehen. Da kann ein Umschalten im Kopf von „Oskar“ auf „Otto“ wertvolle Zeit kosten. Also wurde lieber etwas ganz Neues gelernt.

Der Ablauf ist ähnlich einer Film-Shotlist. Regisseur und Regie-Assistenz erstellen gemeinsam eine Abfolge, in der sie das Konzert gerne bildlich auflösen möchten. Vor der Probe geht die Zweite Regie-Assistenz diesen Plan mit Striemer durch – oder IMG_0308dem Kollegen, der an diesem Abend als Kameraoperator arbeitet. Nach ihrer Ansage programmiert der Kameramann die Einstellungen auf die Plätze in der Matrix. Auf Zuruf kann er diese mit einem Druck auf die Touchscreen ferngesteuert anfahren. Pro Konzert gibt es etwa 300 Einstellungen, auf die Striemer und der Regisseur zurückgreifen können.

Volker Striemer stieß 2008 als Kameramann in der frühen Phase des Projekts dazu. Damals galt es, eine Aufführung der Philharmoniker in der Waldbühne aufzuzeichnen. Der damals verantwortliche Kameramann ging irgendwann und so rückten Striemer und seine Kollegen nach. Zunächst waren Panasonic-Kameras im Einsatz, die jedoch kein Full-HD bieten konnten, sondern dieses Format durch Interpolation erreichten. „Das sah man auch in der Qualität“, erinnert sich Striemer.

Herausforderung: Denkmalschutz

2012 sponserte Sony eine neue Ausstattung. Auf Striemers Empfehlung hin kamen die HDC-P1-Kameras, die einerseits leistungsstark genug waren, um eine dauerhaft gute Qualität zu gewährleisten, andererseits leicht genug waren, um komfortabel mit den ebenfalls neuen Remoteheads von Radamec zu harmonieren. Bei der Technik gab es ohnehin einige Herausforderungen. Das Saallicht zu ergänzen, damit die Kameras das gesamte Orchester mit Chor bei voller Besetzung schön einfangen können, war noch die leichteste Aufgabe.

Die Montage der Kameras gestaltete sich schwieriger. Striemer erklärt: „Wir dürfen wegen des Denkmalschutzes im Saal nichts fest anbauen.“ Für die Montage einer festen Säule, um die Schwingungen des Durchgangsverkehrs zu minimieren, musste eine extra Genehmigung eingeholt werden. Auch dürfen die Remoteheads nicht in der Geschwindigkeit agieren, die sie bieten. Der Grund ist jedoch ein anderer: Die Zuschauer und die Musiker sollen durch das Geräusch der Motoren nicht gestört werden. „Bei Konzerten gibt es oft Stellen, an denen die Musik sehr leise ist. Das zieht sich über lange Zeiträume, gerade am Anfang eines Satzes“, sagt Striemer.

Zwar kann der Remotehead in weniger als anderthalb Sekunden einen Winkel von 120 Grad überwinden. Dann ist er aber sehr laut. Striemer muss dann „schleichend“ umbauen, also die Kamera per Joystick manuell in die nächste Einstellung bringen. Dann muss alles andere bereits gut vorbereitet sein. „Das ist eine logistische Herausforderung für den Regisseur und gefühlvolle Arbeit mit Stress für den Kameramann.“

350 Konzerte im Archiv

Seit 2008 werden jährlich rund 40 Aufführungen in der Digital Concert Hall übertragen und stehen dort anschließend im Archiv zur Verfügung oder werden gar auf DVD und Blu-ray veröffentlicht. Rund 350 Konzerte stehen den Abonnenten online zum Abruf bereit, dazu kommen Dokumentarfilme aus dem Musikbereich sowie zahlreiche Interviews mit Solisten, Gastdirigenten und Mitgliedern der Orchester-Ensembles. Es gibt verschiedene Preisstaffelungen, für 149 Euro ist ein Jahres-Abo erhältlich, für 14,90 Euro das monatliche, doch auch Einzelmonate oder Wochen können gebucht werden. Ohne Abonnement sind diese entsprechend teurer.

Die Aufführung ist vorbei, Sir Simon Rattle hat die Bühne verlassen, das Orchester packt ein, die Zuschauer strömen den Ausgängen zu. Volker Striemer kann aufatmen. Muss er eigentlich als Kameramann in der Philharmonie auch Klassikliebhaber sein? Striemer lacht. Ja, das würde schon helfen. Er kam zwar beruflich vorher eher bei Rock- und Popkonzerten zum Einsatz, hatte aber früh durch seinen Großvater eine Verbindung zur klassischen Musik. „Der hatte ein altes Röhrenradio. Und immer, wenn ich bei meinen Großeltern zu Besuch war, lief Klassik.“

Striemer hat persönlich keinen Komponisten, bei dem er besonders gerne das Bild gestaltet. „Es gibt kein Stück, das mich langweilt. Jedes Stück ist anders. Gustav Mahler zum Beispiel hat oft ungewöhnliche Instrumente drin, viel interessantes Schlagwerk. Das ist dann natürlich auch für die Kamera ein schönes Bild.“

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